Von Vitus Dröscher

In diesen Tagen erscheint im List-Verlag das Buch „Magie der Sinne im Tierreich“ (294 Seiten mit über 100 Zeichnungen und 21 zum Teil farbigen Abbildungen) von unserem Mitarbeiter Vitus Dröscher. In diesem Sachbuch, an dessen Abfassung zahlreiche Fachwissenschaftler mitgewirkt haben, berichtet der Autor über neue Forschungen auf dem Gebiet der Wahrnehmungsmechanismen verschiedener Lebewesen. Wir entnehmen dem interessanten Werk den folgenden Beitrag.

Klarer, wolkenloser Taghimmel sieht für die Biene nicht gleichmäßig blau aus. Vielmehr erscheint er ihrem Facettenauge über und über mit hell-dunklen Mustern überzogen. Das sind keineswegs optische Täuschungen, sondern Realitäten, die uns entgehen: von über 2000 Einzelaugen registrierte Schwingungsrichtungen polarisierten Himmelslichts.

Lichtstrahlen sind Schwingungen wie die Wellen des Meeres. Nur schwingen sie nicht wie das Wasser ausschließlich in einer Richtung (rauf und runter), sondern in allen möglichen Richtungen quer zum Strahl. Das ändert sich, sobald Licht an glänzenden Flächen reflektiert oder an den Luftmolekülen der Erdatmosphäre gestreut wird. Dann schwingt es vorwiegend nur noch in einer Richtung – wie die Wellen des Meeres. Es ist polarisiert.

Das Sonnenlicht, das auf direktem Wege zu uns kommt, ist also nicht polarisiert, wohl aber das Streulicht, das Himmelsblau. Jeder Himmelspunkt hat eine andere Schwingungsrichtung, die sich zudem im Laufe des Tages ständig dem Sonnenstand entsprechend ändert.

Das Wahrnehmen dieser himmlischen Polarisationsmuster ist für die Biene von ebenso lebenswichtiger Bedeutung wie ihr Sonnenkompaß. Denn in Mitteleuropa ist die Sonne allzu oft hinter Wolken verborgen, und es wäre für die Sammlerin fatal, wenn jedes sonnenverdeckende Wölkchen sofort jegliche Orientierung zunichte machen würde. So benutzen die Insekten noch zwei andere Anhaltspunkte.

Der eine ist das Ultraviolettlicht der Sonne, das noch durch mäßige dicke Wolken dringt. Wenn der Mensch schon längst nicht mehr den Sonnenstand feststellen kann, sieht die Biene unser Tagesgestirn immer noch etwa so, wie wir es durch leichten Dunst oder einen dünnen Hochnebelschleier erkennen: als verschwommene Aufhellung.