Der alte Börsensatz „Steigt Butter, steigt Käse“ gilt nicht für die gegenwärtige Situation. Die Aktienkäufer von heute konzentrieren sich ausschließlich auf die nicht sehr zahlreichen Unternehmen, von denen erwartet werden kann, daß ihre Gewinne auch jetzt noch steigen oder zumindest in absehbarer Zeit wieder zunehmen werden. Dazu zählen die Spitzenunternehmen der deutschen Großchemie, von der Elektrobranche AEG und Siemens, die drei Großbanken und noch einige Spezialwerte.

Wie sich das bessere Börsenklima der letzten Wochen auf die Kurse dieser Papiere ausgewirkt hat, macht folgendes deutlich: Seit dem 3. August, dem Kurstiefstand dieses Jahres, gewannen bis zum Beginn dieser Woche BASF 52 Purkte, Bayer 40, Hoechst 55, AEG 30, Siemens 50, Commerzbank 50, Deutsche Bank 64 und Dresdner Bank 50 Punkte. Es war also an der Börse etwas zu verdienen!

Aber hauptsächlich nur auf dem Papier. Denn wer hatte schon den Mut, Aktien auf dem Tiefstand der Baisse-Bewegung zu erwerben? Damals herrschte überall ein tiefgehender Pessimismus, niemand ahnte, daß die Börse so rasch wieder einigermaßen festen Boden unter den Füßen haben würde. Bewirkt wurde dies in der Hauptsache durch, den etwas flüssigeren Geldmarkt sowie durch die Zuversicht, daß die Bundesbank durch gezielte Maßnahmen bereit sein würde, Dauerschäden, die durch die anhaltende Restriktionspolitik eintreten könnten, von der Wirtschaft nach Möglichkeit fernzuhalten. Die Erweiterung des B-Plafonds der Ausfuhrkreditanstalt (zur Erleichterung der Exportfinanzierung) sowie die Ankündigung, bei der Erntefinanzierung gewisse Hilfestellungen zu geben, haben die Hoffnungen auf eine gewisse Verständnisbereitschaft der Bundesbank bekräftigt.

Nach der Verabschiedung des Konjunktursteuerungsgesetzes hofft die Börse auf neue Schritte der Bundesbank, zumal Bundesbankpräsident Blessing eine Überprüfung des jetzigen Kurses für den Fall zugesagt hat, daß das Gesetz in Kraft treten sollte. Optimistisch – wie man in den Börsensälen wieder geworden ist – glaubte man aus der Haltung der Opposition schließen zu können, daß zwischen ihr und den Regierungsparteien in dieser Frage keine unüberbrückbaren Gegensätze bestehen. Deshalb gab die Konjunkturdebatte den Aktienkursen weiteren Auftrieb!

Niemand wird indessen erwarten können, daß das bisherige Tempo der Aufwärtsbewegung über eine längere Zeit durchgehalten werden kann. Abgesehen davon, daß die wirtschaftliche Lage eine durchgreifende Höherbewertung deutscher Aktien schwerlich rechtfertigt, so fehlt dem Kapitalmarkt vorläufig auch die breite Schicht an Anlegern, die er vor der Baisse einmal besessen hatte. Zu viele der jüngeren Aktiensparer haben den Wertpapieren enttäuscht wieder den Rücken gekehrt, weil sie nicht das hielten, was man sich von ihnen versprach. Es wird ein hartes Stück Arbeit werden, diese Kreise erneut für das Wertpapiersparen zu gewinnen.

Der sogenannte Berufshandel „mischte“ bei den Standardaktien kräftig mit. Auf den übrigen Märkten war auch für ihn nicht viel zu holen. Spekulative Käufe gab es zeitweise bei den Aktien der Deutschen Erdöl-AG, als die Verwaltung zugab, daß Überlegungen über das künftige Rechtsverhältnis mit dem neuen Großaktionär Texaco angestellt würden. Hellhörige Wertpapierhändler glaubten aus dieser Verlautbarung die Aussicht auf ein neues Abfindungsangebot an die noch verbliebenen freien Aktionäre herauslesen zu können. Aber soweit sind die Überlegungen sicherlich noch nicht gediehen. Und wie würde die neue Offerte aussehen? Es ist doch bekannt, daß sich die Ertragslage der DEA seit der letzten Hauptversammlung weiter verschlechtert hat und daß mit der Kündigung der vom Bund gewährten Bohrdarlehen für Aufschlußarbeiten im Ausland eine neue Situation eingetreten ist. Mehr als zwei Texaco-Anleihen für eine DEA-Aktie wird auch der Aktionärsrest kaum erwarten können. Und das wäre ein Gegenwert von rund 180 Prozent. K. W.