Von Gerhard E. Gründler

Theo Sommer (Herausgeber): Denken an Deutschland, Zum Problem der Wiedervereinigung. Nannen-Verlag, Hamburg. 215 S., 9,80 DM.

Was wäre das: Wiedervereinigung? „Das Zusammenfügen dessen, was heute Bundesrepublik und Zone heißt“, antwortet Egon Bahr. Und wie macht man das? Auf diese Frage werden die Gesichter und die Antworten immer länger.

Mit Klein-Europa. Kaltem Krieg, Atlantikpakt nebst Bundeswehr und freien Wahlen hat es leider nicht geklappt. Viele schreiben denn auch aus unterschiedlichen Gründen die Wiedervereinigung ab (wie Eschenburg und Jänicke), vertagen sie (wie Kissinger) oder geben ihr einen anderen Sinn, nämlich: Einheit des deutschen Volkes in einem größeren Europa (so Bloemer und Brzezinski); oder: Unnötigmachen von Mauer und Stacheldraht (Bender).

Der Herausgeber dieser Zwischenbilanz unserer Deutschland-Politik wagt eine Alternativformel anzubieten, von der er meint, sie werde heimlich schon allseits akzeptiert: Zustände schaffen, die die Wiedervereinigung überflüssig oder ihr Ausbleiben erträglich machen.

Albrecht von Kessel allerdings bekam auf der Möglichkeit, „daß die Sowjetunion Mitteldeutschland freigäbe und die Wiedervereinigung zulasse“. Er glaubt an einen Preis, für den die Russen ihr „Beutegut“ DDR fahren lassen würden: für Sicherheitsgarantien. Dabei schließt er aber die „Neutralisierung Gesamtdeutschlands“ kategorisch aus. Man sieht also, über die Valuta solcher Preise läßt sich streiten. Da hierzulande „wahrhaft großer Opfersinn“ (Bloemer) darin gesehen wird, die Grenzverhältnisse im Osten hinzunehmen, steht zu befürchten, daß unsere Preisvorstellungen noch immer viel zu niedrig angesetzt werden. Wer damit Politik zu machen hofft, der hält auch Aktien aus dem Zarenreich für Wertpapiere.

Hier möchte man Heine zitieren, der dem Buch den Titel lieh und dessen Denkmal auf dem Einband abgebildet ist: „Franzosen und Russen gehört das Land, / das Meer gehört den Briten,/wir aber besitzen im Luftreich des Traums / die Herrschaft unbestritten.“ Die Beiträge von Külz über Potsdam und die späteren Deutschland-Konferenzen gehören zu den besten Ernüchterungsmitteln für gesamtdeutsche Träumer; Külz zwingt uns, realistischer über „Preise“ und „Opfer“ zu denken.