Wenn wir uns, meine verehrten Leser, innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Male mit den Vorgängen auf dem Rentenmarkt befassen, dann haben die raschen Veränderungen bei den Kursen der festverzinslichen Papiere dazu den Anlaß gegeben. Selbst die vorsichtigsten Marktpropheten sprechen heute davon, daß in der Bundesrepublik der Zinsanstieg sein vorläufiges Ende gefunden hat. Unverkennbar sind nämlich die Auflockerungen auf dem Geldmarkt, die in der Hauptsache aus dem kontinuierlichen Zuwachs der Handelsbilanzüberschüsse resultieren. Zwar rechnet niemand damit, daß sich die Liquidität so weit entspannt, daß die Zinsen bei uns kräftig sinken. Noch lange Zeit wird das Kapitalangebot kleiner sein als die Nachfrage, doch die Aussicht, künftig nicht noch höhere Zinsen kassieren zu können, hat manche Anleger veranlaßt, einen Teil der für die Wertpapieranlage bestimmten Mittel in Rentenwerten zu investieren. Diese Neigung hat ausgereicht, den größten Teil der Rentenkurse etwas anzuheben, ohne sie für den Sparer reizlos zu machen.

Für die künftige Entwicklung der Rentenkurse wird die rasche Verabschiedung des Konjunkturstabilisierungsgesetzes und die unverzügliche Anwendung des in ihm enthaltenen Instrumentariums von entscheidender Bedeutung sein. Es kommt nicht nur darauf an, die zahlreichen öffentlichen Hände vom Rentenmarkt fernzuhalten, sondern auch zu verhindern, daß sie sich über die Hinterhöfe des Kapitalmarktes verschulden. Gegenwärtig ist das nur noch schwer möglich, weil auch sie ziemlich leergefegt sind. Man hilft sich bei der Finanzierung begonnener Bauten mit der Inanspruchnahme von Lieferantenkrediten, worin die Bundespost es bis zur Meisterleistung gebracht hat. Mit Hilfe kurzfristiger Gelder werden langfristige Investitionen finanziert. Bei privaten Unternehmen pflegt so etwas der Anfang vom Ende zu sein.

Es ist kein Zufall, wenn Bundespost und Bundesbahn mit ihren Anleihen in der Renditentabelle mit an der Spitze marschieren. Im öffentlichen Bereich allerdings geschlagen durch die Stadt München, deren sechsprozentige Anleihe von 1963 bei einem Kurs von 83 Prozent unter Berücksichtigung des Rückzahlungsgewinns eine Rendite von 8,92 Prozent bringt. Die in dieser Zahl zum Ausdruck kommende Zurückhaltung der Anleger geht auf die vergleichsweise hohe Verschuldung der Stadt zurück und auch auf die Schuldenlast, die München als Olympiastadt zwangsläufig noch auf sich nehmen muß.

Aber auf Qualität wird nicht nur im öffentlichen Bereich geachtet. Auch bei den Industriegesellschaften machen sich deutlich „Klassenunterschiede“ bemerkbar. In einer Ausrechnung der Vereinbank in Hamburg nimmt die 5 3/4prozentige Anleihe der Ilseder Hütte von 1962 mit 9,01 Prozent die Spitze ein. Vor wenigen Wochen wurde der Satz von 9 Prozent noch vielfach überschritten. Einige Banken weisen ihre Kundschaft auf die aus der unbefriedigenden Ertragslage stammenden Dividendenlosigkeit des Peiner Unternehmens hin und machen darauf aufmerksam, daß Verluste auch Rückwirkungen auf die Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens haben könnten. Nun sollte man, meine verehrten Leser, im Falle der Ilseder Hütte keine allzu großen Bedenken haben, denn schließlich hat hier die bundeseigene Viag eine Schachtelbeteiligung und es ist schließlich schwer vorstellbar, daß ein Unternehmen, an dem der Bund so maßgeblich beteiligt ist, in eine Lage gerät, in der Verzinsung und Tilgung von Anleihen nicht mehr gewährleistet sind. In diesem Zusammenhang verdienen die übrigens nicht verstummenwollenden Gerüchte Bedeutung, die von einer Angliederung der Ilseder Hütte an. einen westdeutschen Stahlkonzern wissen wollen.

Knapp unter 9 Prozent Rendite bringen die Anleihen der Dortmund-Hörder Hüttenunion (5 3/4 Prozent) und von Klöckner-Humboldt-Deutz (Nominalzins ebenfalls 5 3/4Prozent). Die veränderte Lage auf dem Rentenmarkt kommt aber nicht nur in den rückläufigen Renditen der Anleihen zum Ausdruck. So wurden jetzt auch siebenprozentige Hypothekenpfandbriefe mit kurzer Laufzeit von 92 auf 94 Prozent heraufgesetzt. Interessant erscheinen mir in diesem Zusammenhang die siebenprozentigen Hypothekenpfandbriefe mit langer Laufzeit, die heute zu Kursen von etwa 89 Prozent und weniger erhältlich sind. Langfristig sind diese Papiere nur vom Besitzer aus gesehen Die Pfandbriefinstitute haben sie mit einer vorzeitigen Rückzahlungsklausel versehen, so daß sie frühzeitig tilgen können. In früheren Zeiten wurde von dieser Möglichkeit stets dann Gebrauch gemacht, wenn der Rentenzins unter 7 Prozent sank. Damit ist zwar zunächst noch nicht zu rechnen, weil sich der internationale Zinsfuß nach oben bewegt, aber Zeiten, in denen der Landeszinsfuß in der Bundesrepublik auf 6 Prozent zurückgeführt wird, wären bei einer vernünftigen Finanzgebarung der öffentlichen Hände eines Tages durchaus wieder denkbar. Der Reiz dieser Pfandbriefemissionen liegt nicht in der laufenden Rendite, sondern vielmehr in der Aussicht auf einen steuerfreien Tilgungsgewinn.

Dieser steuerfreie Tilgungsgewinn spielt auch bei der Anlage in Industrieanleihen eine bedeutsame Rolle. Gut verdienende Unternehmen (und solche gibt es auch heute nicht), die Tilgungsgewinne versteuern mußten, interessieren sich vornehmlich für die sogenannten „steuerfreien“ Papiere, deren Kurse in den letzten Tagen ebenfalls angezogen haben. Das Angebot ist äußerst gering geworden, seit die allgemeine Liquiditätsanspannung etwas nachgelassen hat.

Anleger, die das Kursrisiko scheuen und dafür lieber auf die höchstmögliche Rendite verzichten, sollten sich den Anleihen der Kreditanstalt für Wiederaufbau, den Inlandsanleihen von Siemens und der BASF zuwenden, die sämtlich auf Basis ihrer Emissionskurse „gepflegt“ werden. Dabei ist der sechsprozentigen Anleihe von Siemens-Schuckert (1961) deshalb der Vorzug zu geben, weil hier die Aussicht besteht, daß ihr Zinsfuß im kommenden Jahr heraufkonvertiert wird, nämlich dann, wenn das Haus Siemens seine seit langem angekündigte neue Inlandsanleihe auflegt.