Auf einen Umsatz von rund 800 Millionen Mark schätzt man den in diesen Tagen 75 Jahre alt gewordenen Oetker-Konzern. Aber was heißt in einer Firmengruppe Umsatz, in der Reedereien, Nahrungsmittelfabriken, Banken und Versicherungen zusammengefügt worden sind? Die Konzernbilanz wird vom Hause Oetker sorgsam vor den Blicken der Öffentlichkeit verborgen. Man kann es sich leisten, publizitätsscheu zu sein, denn bislang ist das Haus Oetker ganz gut ohne „die Öffentlichkeit“ ausgekommen.

Nach dem Kriege fand der damals noch nicht ganz dreißigjährige Konzernerbe, Rudolf August Oetker, eine gesunde Substanz vor, an Unternehmen wie Mitarbeitern. Unter seiner Leitung wurde die damals bestehende Firmengruppe nicht nur wieder aufgebaut, sondern zu einem der größten deutschen Unternehmen ausgebaut. Entgegen kam der Oetker-Gruppe die nach der Währungsreform einsetzende Freßwelle, die den Nährmittelfabriken volle Kassen brachte, die der Fiskus deshalb nicht leeren konnte, weil Rudolf August Oetker jeden Pfennig in die 7-d-Darlehen (steuerbegünstigte Darlehen für die Schiffahrt) steckte. Er lieh sie an sich selbst aus, denn er hatte rechtzeitig die Hamburg-Südamerikanische Dampf schifffahrts-Gesellschaft Eggert & Amsinck erworben und dazu noch einige andere Reedereien gegründet. Auf diese Weise wurde er zum größten privaten Reeder der Bundesrepublik. Natürlich nicht ganz aus eigener Kraft. Oetker gelang es, befreundete Unternehmen dazu zu bewegen, ihm ebenfalls 7-d-Darlehen zu überlassen.

Parallel zur Expansion auf dem Gebiet der Schiffahrt ging der Aufbau der Getränkesäule. Mit dem Erwerb der Mehrheit der Bank für Brauindustrie AG faßte Oetker im Brauereibereich Fuß und gelangte auch hier in die erste Reihe. Abgerundet wurde der Getränkebereich durch die Übernahme der Sektkellerei Söhnlein. Den gelernten Bankkaufmann mußte es natürlich reizen, die Bankgeschäfte seines Konzerns weitgehend mit sich selbst abwickeln zu können. Drehpunkt seiner Bankensäule wurde das Bankhaus Lampe in Bielefeld. Der Versuch, bei der Vereinsbank in Hamburg zu einer maßgeblichen Position zu gelangen, scheiterte. Aber über Umwege brachte dieser ihm die führende Stellung im Deutschen Ring (Lebensversicherungs-AG) ein. Oetkers Tätigkeit in der Versicherungsbranche (er gründete die Condor-Versicherungsgruppe) dürfte ebenfalls dem Wunsch entsprungen sein, „alles selbst zu machen“, eine Devise, die ihm nicht nur Freunde einbringt. Aber auf Grund seiner Stärke kann er es sich leisten, auch die Risiken im eigenen Hause zu lassen.

Der dynamische Unternehmer Rudolf August Oetker hat seinen eigenen Führungsstil entwickelt. Obwohl seine Konzernstruktur weitgehend dezentralisiert ausgerichtet ist und keine wasserkopfartige Zentralverwaltung kennt, bleibt der Wille des „Chefs“ allgegenwärtig. Den heutigen Oetker-Konzern kann man sich kaum ohne Rudolf August Oetker vorstellen. Das ist – wie bei vielen Familienunternehmen – der schwache Punkt. Aber schließlich ist der heutige Chef erst 50 Jahre alt geworden. Er hat also noch Zeit, sich über seine Nachfolge Gedanken zu machen. Vielleicht besitzt er das gleiche Glück wie seine beiden Vorgänger „im Amt“ (Dr. August Oetker, der Erfinder des Backpulvers, und Richard Kaselowski, sein Stiefvater) und kann das Konzernruder in ebenso tüchtige Hände legen, wie er sie bisher selbst hatte, kw