Man muß dazu wissen: Bis zum 1. September 1966 genoß Walter Jens auch das Vorrecht, zu den "bürgerlich humanistischen" Schriftstellern zu zählen. Seit dem Abend dieses Tages wird er zu den "Bonner Verbündeten der heutigen das.

Walter Jens verhandelte einen schandbaren Mord, ein Menetekel deutscher Geschichte, auf offener Bühne. Das Echo ist Rufmord von rechts und links. Nun kann Jens dem Rufmord von rechts gewiß mit einiger Gelassenheit begegnen. Was Österreich betrifft, so hätte man dort allen Grund, sich etwas nachhaltiger um den hauseigenen Antisemitismus und Terrorismus zu kümmern, und was den Düsseldorfer "Industriekurier" anlangt, so winkte die Hand, die Walter Jens das Fürchten beibringen wollte, dem Herrn Minister Schmücker auf die rumänische Reise recht ermunternd nach. Wirtschaft first, zum Glück.

Dem Rufmord aus der DDR kommt dagegen größere Bedeutung zu. Derlei Traditionsmethoden sind so reaktionär wie gefährlich, und man sage nicht, es handle sich um bloße Wortgefechte.

In Walter Jens Stück wendet sich die von deutschen Offizieren ermordete Rosa Luxemburg zum Schluß an den Chor dreier namenloser Genossen, die sie aber, der luxemburgischen Abweichung von der "reinen Lehre", der richtigen Parteilinie halber, mit eisiger Kälte abweisen. Man versteht, daß die Szene in Ostberlin mißfiel. Gewiß ist die hier zugrunde liegende geschichtsphilosophische Konstellation der genaueren Analyse wert, und gewiß steht sie nicht etwa außer aller Diskussion.

Man muß der SED und in ihr besonders jenen alten Sozialisten, für die der Mord an Luxemburg und Liebknecht nicht Geschichtsbuchlegende, sondern frühe politische und sehr persönliche Kampferfahrung ist, das Recht auf größte Betroffenheit zubilligen; was man ihnen nicht zubilligen kann, ist der Rückfall in die Methodik und Phraseologie des Kalten Krieges und das darauf gegründete Zusammenspiel der Extremisten beider Lager.

In der Bundesrepublik ist ein Klärungsprozeß im Gange. Wenn die SED glaubt, am Ende dabei zu siegen, so sind derlei Fehleinschätzungen ihre Sache. Die Mehrzahl derer, die sich der Aufklärung verschrieben haben, denkt jedenfalls nicht im Traum daran, Kommunisten zu werden. Ihnen geht es ganz einfachdarum, innerhalb der durch den letzten Krieg gezogenen Grenzen Verhältnisse zu schaffen, die so vernünftig wi möglich sind. Die Argumentation Abuschs in "Neues Deutschland" ist aber eine Sabotage der Vernunft. Wer so auftritt, gleicht exakt jenen von Jens auf die Bühne gestellten drei Genossen, die der Ermordeten die kalte Schulter zeigen.

Walter Jens stellt Rosa Luxemburg als eine Frau dar, die von den Rechten ermordet und deren Erbe von den Linken verraten worden ist. Verständlicherweise ist Abusch hierüber am meisten ergrimmt. Er sucht Luxemburg für seine Partei zu reklamieren: "Wenn Rosa Luxemburg Luxemburg befände sich also, meint Abusch, nicht in der Bundesrepublik, sondern in der DDR.