Von Michael Jungblut

Im Schaufenster des Westens sind wieder einmal die Lichter aufgeflammt. Mit Musik, Reden und einem großen Aufgebot an Prominenz wurde die siebzehnte Deutsche Industrieausteilung in Berlin eröffnet. Die Aussteller aus Berlin, dem Bundesgebiet und dem westlichen Ausland haben für zehn Tage in den Hallen rund um den Funkturm ihre Stände aufgeschlagen. In einer Sonderschau zeigen Vertreter aus 48 der sogenannten Entwicklungsländer – hier als „Partner des Fortschritts“ vorgestellt – Produkte, von denen sie glauben, daß sie in Europa und speziell in der Bundesrepublik Käufer finden könnten.

Die Berliner Industrieausstellung kann jedoch nur noch in sehr bescheidenem Maße als Schaufenster des Westens gegenüber dem Osten gelten. Die Zeiten, in denen es sich lohnte, die Gäste aus der DDR getrennt in der Besucherstatistik zu führen, sind seit dem Bau der Mauer vorbei. Die erste Industrieausstellung im Jahre 1950 hält zwar mit weit über einer Million Gästen, darunter 453 000 aus dem Osten, bis heute bei weitem den Besucherrekord. Aber auch in den Jahren danach kamen Hunderttausende von jenseits der Zonen- und Sektorengrenze. Im letzten Jahr vor dem Bau der Mauer waren es 263 000.

Aus den osteuropäischen Ländern, der UdSSR und aus Ostberlin kommen seitdem nur noch offizielle Besucher. Es sind die gleichen Funktionäre, die man auch auf den Messen in Hannover, Frankfurt und München treffen kann. Sie wissen, was die westliche Industrie zu bieten hat. Große Geschäfte werden mit ihnen in Berlin kaum gemacht. Nur wenige Ausstellerfirmen sind der Ansicht, daß es sich wegen dieser Besucher für sie lohnt, weiterhin nach Berlin zu kommen.

Aber warum kommen sie überhaupt? Die meisten Unternehmen, die auf der diesjährigen Ausstellung vertreten sind, wissen, daß sie dort kaum Interessenten aus dem Bundesgebiet ansprechen können. Berliner Ausstellungen haben in den letzten Jahren für sie kaum Geschäfte im Westen nach sich gezogen. Noch geringer ist der Kontakt mit Firmenvertretern und Einkäufern aus dem westlichen Ausland. Die trifft man ebenso wie die westdeutschen Geschäftsleute in Hannover, Frankfurt oder an einem anderen Messeplatz der Bundesrepublik.

Andererseits – auch wenn man in Berlin nicht ganz so strenge Maßstäbe anlegt wie bei irgendeiner anderen Veranstaltung – Loyalität und politische Rücksichtsnahmen sind nicht die einzigen Beweggründe für die Teilnahme. Das trifft höchstens für die Gemeinschaftsstände ganzer Industriezweige zu. Ein typisches Beispiel dafür bietet der Stand der Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl. Dort ist ein stählernes Hoesch-Fertighaus aufgebaut und ein Preisausschreiben ermuntert die Besucher dazu, sich Gedanken darüber zu machen, welche Teile des Mobiliars und der übrigen Einrichtung wohl ganz oder überwiegend aus Stahl gefertigt sind. Kostenpunkt dieser Schau: 150 000 Mark. „Das werten wir nicht einmal als direkte Verkaufsförderung, das ist reine Public Relations“, gibt man offen zu, „aber es ist doch selbstverständlich, daß wir uns in Berlin sehen lassen.“

Anders dagegen bei den meisten der Firmen, die einen eigenen Stand aufgemacht haben. Sie kommen in der Mehrzahl schon seit vielen Jahren und niemand beschickt auf die Dauer eine Messe oder Ausstellung, wenn es sich nicht irgendwie lohnt. Dazu sind Transportkosten und Standmieten zu hoch. Vor allem beschäftigt man sein geschultes und teures Personal, das sowieso schon im Laufe des Jahres von einer Veranstaltung zur anderen geschickt werden muß, nur ungern auf einer überflüssigen Ausstellung.