Von Hans-Albert Walter

Wie rasch das geht. Nun sind auch die jungen Autoren von gestern ins Memoirenalter gekommen. Allein schon ihre Zeitgenossenschaft macht ihr Leben zum Stoff für eine „deutsche Chronik“. Die letzten Jahre des Kaiserreichs, Erster Weltkrieg und Republik, die Scheinblüte der zwanziger Jahre, das Leben im Dritten Reich oder die bitteren Erfahrungen des Exils, der Zweite Weltkrieg und was danach kam, die Frage der Heimkehr oder des Draußenbleibens, die sich den Exilanten stellte: wahrlich genug Material für eine Autobiographie.

Wer sie recht zu schreiben verstünde, trüge vermutlich mehr zum Verständnis seiner Zeit bei, als noch so fundierte historische Quellenwerke das vermöchten.

Das aber hängt davon ab, welche Position der Autor bezieht, wie er seine Zeit betrachtet, was er aus ihr gelernt hat, es hängt ab von seiner Distanz zum eigenen Tun und von seinem Verstricktsein in die Ereignisse, von der Genauigkeit seines Blicks, der Sorgfalt seiner kritischen (Selbst-)Einschätzung, nicht zuletzt auch davon, wie er die Wandlungen, die er im Laufe der Zeit durchgemacht hat, darzustellen vermag. Von Hermann Kesten stammt die Bemerkung, es gehöre zu den schwierigsten Taten eines Menschen, sein Leben gut zu erzählen: „Die berühmten Taten des Herkules waren Kinderspiele dagegen.“ Die Berechtigung dieses Aperçus erweist sich wieder einmal an der Autobiographie von

Carl Zuckmayer: „Als wär’s ein Stück von mir“ – Hören der Freundschaft; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 584 S., 25,– DM.

Niemand wird bestreiten können, daß Zuckmayer ein aufregendes Leben gelebt hat. Gleichmaß und Ruhe hat es da nur selten gegeben, statt dessen meist ein bewegtes Auf und Nieder, für das aber nicht nur die Zeitumstände, sondern zu einem Teil auch das Naturell des Autors verantwortlich gewesen sind. Man tut ihm kaum Unrecht, wenn man in der Sehnsucht nach dem Abenteuerlichen – das Wort im besten Sinne verstanden – den Grundzug seines Wesens erkennt. Seine frühen Gedichte, von denen er einige in dem vorliegenden Band zitiert, sind à la mode expressionistisch gesteilt, aber eben nur à la mode.

Den in seiner Generation fast obligatorischen Vater-Sohn-Konflikt hat es bei ihm nämlich nicht gegeben. Im Gegenteil bestand, bei aller Verschiedenheit der Auffassungen über seinen Berufsweg, eine enge Bindung ans Elternhaus, ein wirkliches Vertrauensverhältnis. Gleichwohl ist dessen Atmosphäre die seine nie gewesen, und er hat, ohne daß es ihm geglückt wäre, immer wieder (vielleicht unbewußt) versucht, seine Herkunft vom wohlanständigen Bürgertum abzustreifen. Abgeschwächt in der Form, trug Zuckmayer im zwanzigsten Jahrhundert noch einmal den Konflikt zwischen Bürger und Künstler aus dem neunzehnten Jahrhundert aus. Auch darin dokumentiert sich seine Sehnsucht nach dem Abenteuerlichen, von der sein Wesen entscheidend geprägt wurde.