Es ist anzuzeigen, daß die unter dem Titel „A Method of Interpretating Literature“ im Jahre 1949 erschienenen Essays des großen Romanisten und Sprachwissenschaftlers Leo Spitzer (er starb 1960) jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegen –

Leo Spitzer: „Eine Methode Literatur zu interpretieren“, aus dem Englischen von Gerd Wagner; Literatur als Kunst, Carl Hanser Verlag, München; 126 S., brosch. 10,80 DM.

Drei Studien, drei detaillierte Interpretationen veranschaulichen diese Methode einer explication de texte mit den Mitteln der Sprachwissenschaft. Tempora und Konjunktionen analysierend, den Blick auf Abbreviaturen und Entsprechungen gelichtet, sucht Spitzer die Geheimnisse der poetischen Sprache an jenen Punkten zu greifen, wo syntaktische Elemente, wo Wiederholungen und Veränderungen plötzlich ein semantisches Bezugssystem schaffen, das mit Hilfe der Alltagsdiktion nicht herstellbar ist – und er befolgt damit die alte, nicht erst von den Verfechtern des close reading entdeckte Maxime, die da lautet: Lesen heißt, Auffälliges zu notieren; explication de texte bedeutet, einzuhalten, wenn der Autor A. auf begründende Konjunktionen verzichtet, der Autor B. drei Personen in der gleichen Barttracht auftreten läßt, der Autor C. an bestimmten Stellen, um seinen Figuren näherzukommen, die Form der erlebten Rede bevorzugt.

In jedem Fall geht es um Bezugserhellung, um eine Beleuchtung charakteristischer, durch die Wiederholung erkennbarer Strukturen des Kunstwerks. Man pocht auf Vergleiche, man sagt: dejà vu, man stellt Gedichte ähnlicher Thematik, ein Gedicht von Donne, ein Gedicht des heiligen Johannes vom Kreuz, eine Tristan-Passage Richard Wagners nebeneinander und zeigt, Parallelen und Kontraste herauspräparierend, die Eigenarten vor dem Hintergrund der Ähnlichkeit.

John Donne, weist Spitzer nach, definiert in „The Extasie“ die Einswerdung zweier Menschen durch eine Summierung von Vergleichen und Hyperbeln (keine Steigerung also, keine Entwicklung, nur Variationen einer einzigen Situation, das Arsenal der Figuren und Tropen verändert sich nicht).

Ganz anders das Gedicht des San Juan de la Cruz, „En una noche escura“, das die ekstatische Vereinigung von Mensch und Gott darstellt – der Tempuswechsel spiegelt in diesem Fall die Intensität der Annäherung, der Satzbau weist, sich wandelnd, auf die Lage einer Seele hin, die zur unio mystica strebt, die Syntaxrhythmik verdeutlicht den Vereinigungsprozeß.

Bei Donne die geistige Union zweier Menschen, bei Johannes die Wallfahrt der Seele zum Heiland, bei Richard Wagner (Isolde über die Leiche Tristans gebeugt) die Beschwörung der Vereinigung im Liebestod, verdeutlicht durch syntaktische Klangmalerei: Der sorgsame Vergleich erst macht das Unverwechselbare jedes der drei Gedichte erkennbar.