Die Szene spielte sich im vorigen Monat vor dem Zollschalter an der Pier des Kapstadter Hafens ab. Den bulligen, grauhaarigen Mann, Alter: um die fünfzig, ließ der Einwanderungsbeamte nicht passieren: "Sie können ohne die notwendige Erlaubnis nicht an Land gehen, Sir. Ich habe meine Vorschriften." Der Mann versuchte dem Inspektor klar zu machen, daß er kein Passagier des Dampfers "Pendemis Castle" sei, sondern nur einen Freund, den Richter van Wyk, begrüßen wollte. Doch kein Zureden half. Der Mann wurde böse: "Ist dies ein Polizeistaat?" Da schaltete sich der Richter, in den Disput ein: "Ich denke, Sie können ihn an Land lassen. Es ist Justizminister Vorster."

Nach der Ermordung des Premiers Verwoerd trat dieser Mann die Nachfolge an: Balthazar Johannes Vorster wurde zum Ministerpräsidenten gewählt. Auf den "Mann aus Granit" folgte der "Mann mit der eisernen Faust". Wie die Regierungen im Laufe der Jahrzehnte immer extremer geworden sind, so gelangten auch immer radikalere Führer ans Ruder – erst Malan, dann Strijdom, zuletzt Verwoerd und nun Vorster.

Für Jacobus Daniel Vorster freilich, einem Geistlichen der einflußreichen Nederduits Gereformeerde Church", besitzt sein Bruder John auch rühmenswerte menschliche Qualitäten: "Viele von seinen Angestellten sind entlassene Zuchthäusler, einer seiner Köche war sogar ein Mörder gewesen. Wenn er ein Todesurteil unterschreiben muß, nimmt er sich die Akten mit nach Haus. Bis in die tiefe Nacht hinein brütet er über ihnen und sucht nach einer Möglichkeit, die Strafe zu mildern!" Des Pfarrers Resümé: "John ist einer der humansten Menschen, die ich kenne."

Prominente Kommentatoren befürchten dagegen nach Vorsters Wahl zum Premier das Schlimmste. "Im Vergleich zu seinem Nachfolger war der ermordete Verwoerd ein Weihnachtsmann", schrieb der "Daily Telegraph", und in der "New York Times hieß es: "Die Berufung Vorsters bedeutet schlicht, daß Südafrikas Nationalisten aus Furcht die Regierungszügel dem extremsten, rücksichtslosesten und totalitärsten ihrer Parteiführer ohne Rücksicht auf eventuelle Konsequenzen überantwortet haben."

Die Tatsachen, die der Justizminister Vorster schuf, sprechen eine deutliche Sprache: Seit dem 1965 verabschiedeten "180-Tage-Gesetz" wurden 125 Personen ohne Gerichtsurteil in "Schutzhaft" genommen. Bis 1965 waren auf Grund ähnlicher Vollmachten über tausend "Verdächtige" für 90 oder 180 Tage in Polizeigefängnisse geworfen worden. Insgesamt 5000 Südafrikaner, Weiße wie Schwarze, wurden bisher wegen "amoralischen Verhaltens" verurteilt. Insgesamt 3000 politische Gegner saßen hinter Gittern. Insgesamt 100 Eingeborene wurden als "Kommunisten" auf Robben Island verbannt; unzählige andere, darunter der Friedensnobelpreisträger Albert Luthuli, stehen unter strengem Hausarrest. In Südafrika werden die meisten Todesurteile vollstreckt, im Durchschnitt mehr als eins pro Woche. Die Sicherheitspolizei, die Vorster gründete, hat unter den Farbigen und Oppositionellen Angst und Schrecken verbreitet. Seitdem herrscht in Südafrika Ruhe – Friedhofsruhe – und Vorster ist stolz darauf. So wie er auch nie einen Hehl aus seiner national-radikalen Vergangenheit machte.

Der 1915 im südafrikanischen "Hinterland" als zweites von dreizehn Kindern eines Schaffarmers geborene Vorster, der an der Universität Stellenbosch auch die Vorlesungen des damaligen Psychologieprofessors Verwoerd belegt und mit 25 Jahren als "General" der faschistischen "Ochsenkarrengarde" angehört hatte, wurde 1942 auf Befehl von Feldmarschall Smuts wegen Staatsgefährdung in das Internierungslager Koffiefontein bei Pretoria gesteckt. Der jugendliche Hitler-Apologet und Briten-Hasser hatte damals bekannt: "Wir treten für einen Christlichen Nationalismus ein, der dem Nationalsozialismus verwandt ist. In Italien heißt es Faschismus, in Deutschland Nationalsozialismus, in Südafrika Christlicher Nationalismus." Erst 1944 wurde der gottesfürchtige Faschist Vorster aus dem Lager entlassen. Und jedem, der sich dafür interessiert, zeigt er heute wie eine Siegestrophäe seine Internierungskarte mit der Nummer 2229/42 und den Haftbefehl. Sein Kommentar: "Lebte ich ein zweites Mal, dann würde ich es noch einmal tun. Ich bin sicher, daß es richtig war, was ich damals getan habe."

Aus allen politischen Kämpfen ist Vorster am Ende als Sieger hervorgegangen. 1948 zum Beispiel, als er sich für die Wahlen als Kandidat der Nationalpartei bewarb, war der Widerstand gegen ihn noch zu stark. Der Abgeordnete Schoeman lehnte seine Kandidatur ab: "Wie kann eine demokratische Partei einen Mann aufstellen, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, sie zu zerstören?" Vorsters Name wurde von der Liste gestrichen. Er kehrte in seine Rechtsanwaltspraxis zurück. 1954 organisierte er schon den Wahlkampf für den Premier-Anwärter Strijdom, der auch gewann. Dessen Nachfolger, Hendrik Verwoerd, machte ihn erst zum Erziehungsminister, 1961 zum Chef des Justizressorts. Und eine Woche nach dem Mordanschlag im Kapstadter Parlamentssaal wurde "Mr. Apartheid" von einer begeisterten Menge weißer Südafrikaner als neuer Ministerpräsident gefeiert. Seinen ärgsten Nebenbuhler hatte er aus dem Felde geschlagen: den Transportminister Schoeman.