Ein junger Mann macht in der deutschen Papierindustrie von sich reden. In Dachau, knapp eine halbe Autostunde nördlich von München, an einem geschichtsträchtigen Platz, wo schon vor tausend Jahren wohlhabende Bauern ihr Korn zum Mahlen in die "Steinmühle" brachten und seit 1871 Papiermaschinen laufen, ist in den letzten Jahren eine der modernsten und leistungsfähigsten Produktionsstätten der Branche entstanden. Dieses Hauptwerk der München-Dachauer Papierfabriken Heinrich Nicolaus GmbH war für den heute 37jährigen Firmenchef Karl Heinz Nicolaus von Jugend an ein Ort harter, doch mit ausdauerndem Lerneifer absolvierter Ausbildung.

Sein Vater, Heinrich Nicolaus, der im März einen Tag vor seinem 74. Geburtstag gestorben ist, hat es dem jungen Erben einer großen Papiermachertradition, der heute eine expandierende Unternehmensgruppe mit rund 2700 Beschäftigten und über 200 Millionen Mark Umsatz dirigiert, nicht leicht gemacht. Der patriarchalisch denkende Senior war, wie der Sohn in knapper und unprätentiöser Diktion bemerkt, ihm ein "hervorragender, aber nicht einfacher Lehrmeister". Doch als Anerkennung für die Leistungen, die Karl Heinz Nicolaus schon in jungen Jahren dank der ihm großzügig eingeräumten Selbständigkeit zeigen konnte, hinterließ der Vater ein überaus kluges Testament, das dem neuen Chef die Bewegungsfreiheit gibt, die in einer solch turbulenten Branche nötig ist.

Im Kriegsjahr 1944 hatte der Vater den fünfzehnjährigen Karl Heinz, ehe er von der Schulbank weg zur Flak eingezogen werden konnte, vom Gymnasium genommen und als einfachen Arbeiter in die Fabrik gesteckt. Dort mußte er als Pressensteher, Maschinengehilfe und Schichtwerkführer so hart zulangen, daß ihm auch nach Kriegsende kaum Zeit für die bei manch verwöhnten Unternehmersöhnen üblichen Eskapaden blieb. 1948 holte er innerhalb eines Jahres das Abitur nach. In München begann er mit dem Studium der Physik und der Mathematik. Doch ehe er zu einem Examen kommen konnte, schlug ihn bereits wieder die Firma in ihren Bann. Zwei Jahre ließ er sich in Frankreich, England, Amerika und der Schweiz gründlich vor allem in die technischen Probleme der internationalen Zellstoff- und Papierindustrie einführen. 1953 holte ihn der Vater heim und vertraute ihm als Betriebsleiter die erste große Papiermaschine (von inzwischen drei) an, die mit allen zusätzlichen Einrichtungen rund 15 Millionen Mark kostete.

"Zeige, was du kannst", war der lapidare Auftrag. Offensichtlich löste er die keineswegs leichte Aufgabe, eine komplizierte Anlage dieses Formats aus den unvermeidlichen Kinderkrankheiten herauszubringen, zur vollen Zufriedenheit des gestrengen alten Herrn. Denn zwei Jahre später wurde der Führungseleve als Prokurist mit der Werksleitung in Dachau und nach einem weiteren Jahr mit der technischen Gesamtleitung der Gesellschaft betraut. Da 1960 der Vater krank wurde und sich nie mehr ganz erholte, wuchs der Sohn wie von selbst in die Position des Mannes hinein, der die Entscheidungen zu treffen hat. Der Tod des Vaters im Frühjahr war also nur noch der letzte Schritt auf dem Wege, auf dem ihm nichts geschenkt worden ist.

Immerhin bedeutete die Wachablösung durch die neue Generation eine merkliche Zäsur: Starben doch fast gleichzeitig noch andere langjährige Mitarbeiter aus der Geschäftsleitung. Neue, ebenfalls junge Männer traten ihre Nachfolge als weitere Geschäftsführer an: der Jurist Dr. Hermann von Wehner, 44, der schon 15 Jahre der Firma angehört und die Ressorts Finanzen, Verwaltung und Einkauf betreut, und der 37jährige Franz Josef Lehbruner, der für Marketing und Verkauf verantwortlich ist und vorher zehn Jahre in der Papierbranche in Amerika und anschließend fünf Jahre bei der europäischen Tochter eines US-Konzerns tätig war. Wehner, der das volle Vertrauen des Seniors genossen hatte, ist auch als Testamentsvollstrecker eingesetzt worden.

Doch der junge Chef wird gewiß in mancher Hinsicht eigene Wege gehen, um alle Marktchancen wahrzunehmen und auch den Stil seines Unternehmens dem Wandel der Zeiten anzupassen. Ohne große Worte, mit der ihm eigenen intelligenten Nüchternheit, spricht er offen über seine Pläne. Er sieht keinen Grund, warum er gezielte und mitunter wenig diskrete Fragen nicht oder nur zurückhaltend beantworten sollte. Die Publizitätsscheu seines Vaters, von dem er mit aller Hochachtung erzählt, ist ihm fremd.

Karl Heinz Nicolaus verkörpert die Tradition der Familie ebenso wie jene München-Dachauer Papierfabriken, die 1936 in einer sehr kritischen Phase der Entwicklung in den Besitz des Vaters übergegangen waren. 1962, zum hundertjährigen Jubiläum des Unternehmens, hatte München – Dachau unter dem stolzen Titel "Wir Papyrer" die Ursprünge dieses Werkes – sie lagen im 15. Jahrhundert vor den Toren Münchens in der Au – aufgezeigt. Die Familie Nicolaus ist jetzt in der dritten Generation der papierenen Kunst verbunden. Großvater Heinrich hatte in Ronsberg im Allgäu in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Papiermühle aufgemacht. Ihre Spezialität war das für die Allgäuer Butter unentbehrliche echte Pergament. Vater Heinrich übernahm 1917 als 25jähriger diese Firma und gründete ein Jahr später zusammen mit seinem Bruder Dr. Wilhelm Nicolaus ein Zweigwerk in Seitmanns. Als sich später beide Brüder im besten Einvernehmen trennten, blieb Wilhelm Ronsberg und Heinrich Seitmanns. Erst 1936 verkaufte dieser die Beteiligung an der Fabrik in Seitmanns und an einem Papierverarbeitungswerk in Kempten an den Unilever-Konzern, um selbst dafür bei München–Dachau einzusteigen. Auch Bruder Wilhelm kam mit dem holländischen Konzern ins Geschäft und war bis zu seinem Tod 1953 bei diesem tätig. Und schließlich war da der vor zwei Jahren verstorbene Vetter Dr. Heinrich Nicolaus, der im Unilever-Konzern als Gruppenleiter für die in Bayern konzentrierte Papiererzeugung und -verarbeitung eine bedeutende Rolle spielte und auch der deutschen Geschäftsleitung als vielseitiger Berater angehörte.