Von Delia Kahns

Die Hotels ersten Ranges und besten Stils – fünf Türmchen, fünfzackige Krone und fünf Sterne im Reiseführer – wurden in Deutschland und anderen europäischen Ländern fast alle um die Jahrhundertwende gebaut. Ein Name, der für sie alle paßt, ist Grand Hotel. Diese Hotels sind zugleich groß und großartig. Daß sie groß sind, hat für den Gast den Vorzug der Anonymität; die Großartigkeit macht es ihm möglich, sich bei einem Preis, der zwischen 45 und 75 Mark für ein Einzelzimmer liegt, als Bewohner eines schloßartigen Gebäudes zu fühlen – veloursgedämpfte lange Flure, viele Etagen, unzählige Türen mit Doppeltüren, hinter denen, still und geborgen wie er selbst in seinem Zimmer, andere den Luxus genießen, König zu sein. Hier ist es leicht, den Traum von Feudalismus zu träumen, der an kein Privilegium gebunden ist. Und zugelassen ist jeder, der das Geld dafür ausgeben kann. Oder vielleicht doch nicht?

Die beiden Hotels der Luxus-Klasse in Hamburg heißen Atlantic und Vierjahreszeiten – eins an der Außen-, das andere an der Binnenalster gelegen. Im Atlantic nun spielte sich vor einigen Tagen ab, was sein Direktor Geyer „eine bedauerliche Panne“ genannt hat. Die israelischen Weltstars, des Platten- und Show-Geschäftes, Esther und Abi Ofarim, wurden – zwar nicht des Hauses verwiesen, aber doch veranlaßt, aus dem Atlantic auszuziehen. Der Grund: ein Subdirektor, dem seine Dienstvorschriften präsent, die Tendenzen der neuen internationalen Damenmode jedoch noch nicht bekannt waren, schickte einen Direktionsassistenten zu Frau Ofarim, der sie aufforderte, sich umzuziehen. Esther Ofarim trug den neuesten Abendchic von Paris, einen schwarzen Samtanzug mit knöchellangen Hosen, mit Ärmeln, die bis zum Handgelenk reichten und einem Ausschnitt, der eng am Hals lag. Eine festlich lange Perlenkette schmückte den Dress, den sie wenige Tage zuvor in einem Hause der Pariser Couture gekauft hatte.

Zwar waren die Créationen des Münchner Couturiers Schulze-Varell gerade im Atlantic vorgeführt worden. Aber vom Laufsteg zur Bar des Hotels ist der Weg lang. Was hier gefiel, wurde dort nicht geduldet.

„Wir legen Wert darauf, daß abends in unserem Hause vorschriftsmäßige Garderobe getragen wird. Aber sobald der Hosenanzug für Damen offiziell als Abendgarderobe anerkannt worden ist, wird sich unser Hotel umstellen.“ Das sagte Direktor Geyer. „Ich fand die Anzüge von Schulze-Varell rasend chic“, sagte seine Frau. Und wieder ihr Mann dazu: „Wir sind modisch eben in einer schwierigen Übergangszeit.“

Was ist nun eigentlich passiert? Entweder fast nichts – nimmt man den Zwischenfall selbst. Oder aber – hier ist die Naht zwischen dem Stil der eleganten alten Welt und dem der größeren neuen nicht rechtzeitig genäht worden. Da müht sich ein erstklassiges Hotel, gewissermaßen „unter der Decke“ zu modernisieren, neueste Matratzen und neufeudale sanitäre Einrichtungen, Infragrills und andere Requisiten moderner Ernährungstechnik anzuschaffen und bei alledem das Vertraute, das altfeudale im „Cachet“ zu erhalten. Es läßt Brokatdeckchen, Roßhaarsessel, Lüster und nachgebaute Louis-XVI-Sessel dem Barzahlenden in der Bar die Illusion vom Winkel im Schlößchen vorspiegeln. Und plötzlich macht der Stil der Mode für die Jungen einen Strich durch die Hotelrechnung. Eines paßt eben nicht mehr zum anderen. Oder paßt denen, die die Grand-Hotels leiten, die ganze Richtung vielleicht nicht?

Keine der beiden Seiten ist unnachgiebig. Leute, wie die Ofarims buchen Zimmer in solchen Hotels, und in den Zimmern dieser Hotels gibt es gemäßigt moderne Kunst an den Wänden, Graphik meistens, die unaufdringlich und unauffällig den Gast nicht stört, der sich für sie nicht interessiert, einen anderen aber vielleicht freut, weil er dem Öldruck eines Mönches von Grützner nicht den Rücken zuzukehren braucht, wenn er sich ins Bett legt und womöglich Henri Miller oder Jean Genet liest.