Walter Ulbricht hat ein neues Schlagwort: In einer Rede vor dem Zentralkomitee, die vom „Neuen Deutschland“ als „bedeutsam“ ausgegeben wurde, empfahl der SED-Chef der Bundesregierung eine „Politik der Mitte“, „eine Politik, die davon ausgeht, daß ein Nebeneinanderleben der beiden deutschen Staaten auf lange Zeit unvermeidlich ist und deshalb Schritte unternommen werden sollten, die der Erhaltung des Status quo dienen“.

Im einzelnen verlangt der Staatsratsvorsitzende von Bonn

  • den Verzicht auf den Alleinvertretungsanspruch,
  • die Anerkennung der bestehenden Grenzen und
  • die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur DDR und den anderen Ostblockstaaten.

Direkte Verhandlungen zwischen den Regierungen in Bonn und Ostberlin bleiben nach wie vor Ulbrichts Fernziel. Er verhehlt keineswegs, daß der geplante Redneraustausch mit der SPD nur ein Vehikel auf diesem Wege sein sollte. Ob er sein Nahziel – enge Kontakte mit den Sozialdemokraten – weiterverfolgen und abermals über einen Redneraustausch verhandeln will, blieb unklar.

Einerseits befand er: „Es ist eine Illusion zu glauben, mit irgendwelchen Besprechungen technischer Fragen könne etwas erreicht werden.“ Andererseits verkündete er: „Dennoch sind wir der Meinung, daß der Dialog notwendig ist und fortgesetzt wird.“

Aber am Status quo in Deutschland will er nicht rütteln lassen: „Die. Lage hat sich seit Bildung der beiden deutschen Staaten so entwickelt, und das Kräfteverhältnis in Europa ist derart, daß man mit einem längeren Nebeneinanderleben der beiden deutschen Staaten rechnen muß.“

Darauf ist auch die Parteiarbeit ausgerichtet, die – so ZK-Sekretär Erich Honecker – nur einen Sinn hat: „die DDR allseitig politisch, ökonomisch, kulturell und militärisch zu stärken“.