Die Vereinten Nationen sind volljährig geworden. In diesen Tagen begann ihre 21. Vollversammlung. Doch zum Feiern ist kein Anlaß. Die Zukunft der Weltfriedensorganisation ist ungewiß. Und düster klang auch der Auftakt zu dem neuen Treffen der 119 Delegationen. „Unter Klagen und Tränen“ beschwor Papst Paul VI. in seiner jüngsten Enzyklika die Staatsmänner: „Haltet.ein! Jetzt muß Frieden werden.“ UN-Generalsekretär U Thant bedauerte in seinem Jahresbericht, daß in Vietnam eine Art „heiliger Krieg“ zwischen Kommunismus und Demokratie geführt werde, der sich zu einem globalen Konflikt auszuweiten drohe. Alle Debatten, die bis zum 20. Dezember, dem Schlußtag dieser UN-Saison, im New Yorker Glaspalast geführt werden – über die Wahl eines neuen Generalsekretärs, über die Aufnahme Pekings, die Streitpunkte Rhodesien und Südafrika –, werden von dem Krieg in Vietnam überschattet sein.

Im Vergleich zu diesen Sorgen nehmen sich die Ängste, die Bonn vor Beginn der Vollversammlung ausgestanden hat, noch harmlos aus. Einige Politiker der Bundesrepublik fürchteten nämlich, die Aufnahme der DDR in den Kreis der Vereinten Nationen könnte jetzt akut werden. Dies ist nicht nur eine Forderung Ostberlins und seiner Fürsprecher in der UN. Zumindest für einen Beobachterstatus plädierte auch U Thant, und zwar mit der Begründung, die Vereinten Nationen könnten sonst ihrem universalen Anspruch nicht gerecht werden.

Daß dieser Vorschlag gemacht wurde, konnte niemanden verwundern, ebensowenig wie die Propagandaaktion der Sowjets, die zu diesem Zweck im Ausland Umfragen über die Nachrichtenagentur „Nowosti“ anstellten. Überraschend war da schon eher die Erklärung von 61 chilenischen Senatoren und Abgeordneten, die sich für eine UN-Mitgliedschaft der DDR ausgesprochen hatten.

Und Nervosität verursachten in Bonn vor allem Nachrichten aus Washington, wonach in Regierungskreisen ernsthaft Amerikas Zustimmung zur Zwei-China-Theorie erwogen worden sei. Die USA, so hieß es, seien bereit, eine Aufnahme Pekings zu akzeptieren, wenn Formosa in den Vereinten Nationen Sitz und Stimme behielte. Dies wäre ein Präzedenzfall für eine UN-Beteiligung Ulbrichts gewesen.

Inzwischen stellte sich freilich heraus, daß die Regierung Johnson derzeit nicht daran denkt, sich auf einen solchen China-Handel einzulassen. Die Folge ist, daß auch der Pankower Antrag, der schon bei der letzten Sitzung im Sicherheitsrat durchfiel, keine Chance hat. Im übrigen wäre der Antrag mit großer Sicherheit ohnehin am Veto Großbritanniens und Frankreichs gescheitert.

Die Furchtsamen in Bonn, die einen „Verrat“ der Amerikaner an ihrem deutschen Bundesgenossen wittern mochten, können also beruhigt sein: Der Einzug von DDR-Abgesandten in die UN findet nicht statt. D. St.