Die Habsburger sind nicht totzukriegen

Von Richard Kirn

Ernst Trost: Das blieb vom Doppeladler. Auf den Spuren der versunkenen Donaumonarchie. Verlag Fritz Molden, Wien. 399 Seiten, 26,– DM.

Österreich war gelb, riesig, ich sah es, im Schulatlas von 1912, neidvoll. Franz Josephs Monarchie war um mehr als hunderttausend Quadratkilometer mächtiger hingelagert als das rosafarbene Reich. Auf einer Karte, die Ernst Trosts Buch beigefaltet ist, habe ich die schwarzen Punkte des Schicksals wiederentdeckt, Städte, die einst alle zu jenem Habsburgerreich gehörten, weithin gestreut auf die quittenfarbene Fläche: die Namen Bozen und Kolin, Königgrätz und Stuhlweissenburg, Laibach und Przemysl und jenes Lemberg, von dem es im Heeresbericht von 1914 hieß, es sei „noch in unserer Hand“. Und die Namen Ragusa und Serajewo.

Ernst Trost, dieser erstaunliche junge Mensch – er ist erst 33 – war in all jenen Landschaften und Städten, er hat das Gebiet des ehemaligen Österreich durchstreift, es hat vieler Papiere bedurft, manche Aufenthaltserlaubnis war auf Tage beschränkt. Er hat auf staubigen Marktplätzen unter Bäumen gestanden, die es schon gab, als Franz Ferdinand noch lebte, überall hat er noch die Fassaden in kaiserlichem Ocker getroffen, wenn auch aus vielen Palästen Kinderheime oder Funktionärsschulen wurden – was erstaunlicher ist, war dies, daß er fast überall auf eine verschwärmte Zuneigung zu jenem Habsburger Reich traf, das doch angeblich so verhaßt war und das gewiß manchmal verflucht wurde und nach dem man sich, wenn der Autor recht hat, oft auf eine hoffnungslose Weise zurücksehnt.

Erinnerungen

Trost war auch an jenem Kai, an dem der Gavrilo Princip „mit ruhiger Hand gezielt hat“. Es waren die Schüsse, die den Ersten Weltkrieg einleiteten. Man hat dort die Fußabdrücke des Attentäters in Beton gegossen, im Stil jener Abdrücke von Händen und Knien der schönen Damen von Hollywood vor Graumans Chinesischem Theater. Trost hat noch einen Vetter des Täters getroffen, einen gewissen Bogdan Princip, der ihm auf die Frage, ob er das Attentat auch heute noch gutheißen würde, geantwortet hat: „Ja. Ich glaube schon. Wir würden es wieder tun. Wir Studenten wollten mit den Schwabas, den Deutschen, nichts zu tun haben. Freiheit, das war ein Wort von großer Bedeutung für uns.“