Von Richard Exner

Einunddreißig sorgfältig ausgewählte deutsche Gedichte seit Benn und Brecht werden jeweils mit der Selbstinterpretation des Autors und einer Fremdinterpretation eines Gelehrten oder interpretierenden Lyrikliebhabers konfrontiert. Dem Ganzen geht, von einem separaten Abdruck der gewählten Texte, den Bio-Bibliographien und einem Rechenschaftsbericht über das Zustandekommen des Bandes einmal abgesehen, noch ein beinahe vierzigseitiges Vorwort der Herausgeberin Hilde Domin voraus, das allein schon den Ankauf des Bandes rechtfertigt.

Es handelt sich um den Versuch, das moderne Gedicht von innen und außen vor einem breiten Publikum zu beleuchten, die Leser teilnehmen zu lassen an den sich in den Grenzen nüchterner Begeisterung haltenden Interpretationen, also am Akt des Interpretierens selbst. Der Leser wird gewissermaßen in den hermeneutischen Zirkel der Deutung aufgenommen und erfährt etwas Neues über das Deuten überhaupt. Und er erfährt es aus dem Eingangsessay von Hilde Domin und aus der Praxis der Gegenüberstellung.

In seiner Intention ist der Band beispielhaft, in seiner Ausführung kompetent; daß in mehreren Fällen Selbstinterpretation und Fremdinterpretation zu einer echten Begegnung werden und uns aus einem wirklichen Doppel-Kairos überraschende Einsichten, in ein Gedicht geschenkt werden, scheint mir – bedenkt man neben den zu überwindenden technischen Schwierigkeiten die mögliche Vielfalt des Mißlingens – nicht nur die Arbeit der Herausgeberin zu rechtfertigen, sondern in sich beinahe ein Wunder zu sein. Trotz allen möglichen Einschränkungen (und einige werde ich andeuten) ist also dieser Band –

„Doppelinterpretationen“ – Das zeitgenössische deutsche Gedicht zwischen Autor und Leser, herausgegeben und eingeleitet von Hilde Domin; Athenäum Verlag, Frankfurt; 365 S., Paperback 19,80 DM, Ln. 28,– DM

– ein Kapitel Epistemologie, das unsere Erkenntnis der dichterischen Existenz und des dichterischen Deutens erweitern wird.

Das liegt nun nicht so sehr an der lyrischen und interpretatorischen Prominenz, die in diesem Buche auftritt. (Übrigens wird manch ein Leser diesen oder jenen Dichter und Interpreten vermissen. Der Rechenschaftsbericht gibt Auskunft. Mir scheint, Franz Wurm, Kuno Raeber, Max Hölzer, Wolfgang Weyrauch und – als „Unbekannter“ – jemand wie Jochen Heddergott hätten das Spektrum der ausgewählten Gedichte vervollständigt.) Es liegt viel mehr an der im Vorwort geforderten und geleisteten unvoreingenommenen Poetik der Deutung des modernen Gedichtes.