Von Peter Schneider

Was ist seit Enzensberger, Rühmkorf und Grass, seit Huchel, Maurer und Hermlin in der deutschen Lyrik passiert? In dem Nachwort zu seiner Anthologie

"Aussichten" – Junge Lyriker des deutschen Sprachraums, herausgegeben von Peter Hamm; Die Bücher der Neunzehn, Biederstein Verlag, München; 352 S., 12,80 DM

gibt Peter Hamm eine Antwort. Unter den Zwanzig- bis Fünfunddreißigjährigen entwickle und verstärke sich eine Tradition, die in der Nachkriegszeit so gut wie ausgestorben war und in der Bundesrepublik erst mit Enzensberger, in der DDR mit Kunert aufzuleben begann: Hamm nennt das die "Wiederentdeckung der Wirklichkeit". Die neue Generation habe die Laster der alten hinter sich, hier Holthusens Naturmagie und Höllerers Seismographenlyrik, dort die Spruchbandpoesie der Parteidichter, aber auch die jüngeren Schlagworte stimmten nicht mehr: nichts da von Beatniktum und Zerstörergebärde, hier spräche nicht eine skeptische Generation, sondern eine, die ihren Zweifel zur Aufklärung, ihre Betroffenheit zur Polemik verbessere. "Die große Verwirrung, der wir täglich ausgesetzt sind", so Peter Hamm, sei nicht länger das Schicksal der neuen Gedichte, sondern ihr Gegenstand. Hier endlich sei gegenständliche Lyrik, nicht in dem versponnenen Sinn, den die konkreten Dichter diesem Begriff erfanden, sondern im besseren von Brecht und Enzensberger, Gedichte, die nicht zur Einfühlung, sondern zur Auseinandersetzung reizten, mit einem Wort: realistische Gedichte. Diese realistische Tendenz zu zeigen, die Autoren, die ihr im deutschen Sprachraum zugehören, vorzustellen, sei die Absicht seiner Anthologie.

Der Plan klingt gut, das Versprechen, das er enthält, macht froh. Tendenz statt Sammelsurium, poetische Draufgänger an Stelle von Buchstabenkrämern und empfindsamen Wunderkindern, Angriff und ein bißchen Skrupellosigkeit in einer Kunstgattung, wo sonst nur zu oft die gewisse sprachliche Zimperlichkeit am Handeln hinderte – die Sympathie hat es nicht schwer, da zu wählen.

Nur sieht Peter Hamms Anthologie in Wirklichkeit ganz anders aus.

Realismus? Sagen wir zunächst einmal: Informationen. Ich erfahre etwa, daß Gabriele Wohmann "in einer gewissen Erbschaftsangelegenheit" ihre Geschwister übervorteilte, daß Peter O. Chotjewitz’ Potenz im Schwinden begriffen ist; daß Hubert Fichte zwischen Münster und Osnabrück in einem Abteil jenes D-Zuges saß, der 16.50 Uhr von Köln abfährt. Die Kombinatoren und Konstellatoren, die Ersteller von Texten und Strukturen hätten bei den Jungen nichts mehr zu sagen? Ich finde in Hamms Anthologie ein Gedicht von Gerhard Rühm über Europa, das beginnt so: "die Niederlande grenzen an Deutschland und Belgien; Belgien grenzt an die Niederlande, Deutschland, Luxemburg und Frankreich, Luxemburg grenzt an ..." Hat Gomringer, haben die konkreten Dichter je etwas anderes geschrieben?