Wie dem auch sei und was Jens auch bewogen haben mag, vage von einem „Minister“ zu sprechen, wo er exakt vom „Minister Noske“ hätte sprechen können – die Reklamation von Abusch beruht auf einem Konditionalsatz: „Wenn Rosa Luxemburg noch lebte, wäre...“

Nehmen wir also einmal an, Rosa Luxemburg wäre nicht 1919 ermordet worden. Nehmen wir einmal an, sie wäre nicht wie die übergroße Mehrzahl der zu Beginn der zwanziger Jahre führenden deutschen Kommunisten zum „Renegaten“, „Abweichler“, „Parteifeind“ geworden oder dazu gestempelt worden. Nehmen wir großherzig an, sie hätte im Thälmannschen ZK einen Platz bekommen und wäre 1933 in die Sowjetunion emigriert. Können wir dann auch nur mit halbwegs zureichender Wahrscheinlichkeit voraussetzen, daß sie die Sowjetunion lebend wieder verlassen hätte und nicht, wie die Politbüromitglieder Neumann, Remmele, Schubert und Schulze, wie zehn Mitglieder des KPD-Zentralkomitees, wie Hunderte anderer deutscher Kommunisten, darunter viele Reichstagsabgeordnete, in den Moskauer Säuberungen umgebracht worden wäre?

Alexander Abusch mag diese Frage auf Ehre und Gewissen ganz still für sich beantworten. Vielleicht dämmert ihm und einigen anderen, die zwischen Hitlers Gestapo und Stalins GPU gerade noch so lebend durchgekommen sind, daß die Geschichtshypothese des Walter Jens so unreal nun auch nicht ist, wie sie sie hinzustellen belieben. Die Herren brauchen das ja nicht unbedingt öffentlich einzugestehen; sie sollten sich nur vor jener Frustration hüten, die Argumente durch Schimpfe ersetzt. Statt dessen sollten sie nachdenken, ob es nicht so etwas wie die Kunstform einer „sozialistischen Tragödie“ gibt, die zuzulassen auch in ihrem eigenen Staate nur von ehrlicher Aufrichtigkeit zeugen würde und die so manchem Toten endlich Gerechtigkeit widerfahren ließe. Kunst nämlich schmerzt nicht nur, sie kann auch heilen.

Bei alldem geht es nicht darum, der SED, der EDR oder der Sowjetunion eins auszuwischen, wie es überhaupt nicht mehr um die Pflichtübungen des Kalten Krieges geht, in die Abusch ärgerüberweise zurückfiel, wobei er in seinen gegen Jens gerichteten Angriffen übrigens frappierende Ähnlichkeiten mit Günter Zehm aufwies, der sich Jens in der „Welt“ vornahm. Zufällige Ähnlichkeiten?

Wir brauchen in der politischen und innerdeutschen Auseinandersetzung eine neue, unverstellte Sprache. Dies wenigstens ist durch Jens’ Stück deutlich geworden. Ebenso wie die Tatsache, daß sich der Bildschirm als Nationaltheater eignet und von verantwortungsbewußten, auch vor schmerzlichen Wahrheiten nicht zurückschreckenden Autoren zur moralischen Anstalt gemacht werden kann. Auch die Tatsache, daß im vorliegenden Fall nicht Katharsis, also „Reinigung“ erfolgte, sondern eher „Verunreinigung“, sollte nicht abschrecken. Der gesunde Menschenverstand liegt bei uns so im argen, daß man weder von den Politikern noch von den Künsten Wunder verlangen kann. Man kann überhaupt keine Wunder verlangen, sondern nur die dringend notwendige Versachlichung beginnen und weitertreiben.

Vielleicht wird man das Stück eines Tages auf der Bühne erleben und auch den gedruckten Text einsehen können. Wobei es von besonderem Reiz wäre, wenn die Bühnenfassung zuerst in einer Stadt gezeigt werden sollte, wo jene große, überregionale Tageszeitung erscheint, die ihren Lesern noch im Februar 1962 einzureden suchte, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht seien seinerzeit geradezu rechtsstaatlich zum Tode verurteilt worden. „Das Urteil über Liebknecht und Luxemburg wurde vollstreckt“, hieß es da lapidar; und weil die Geschichtslüge sich vielleicht etwas einsam vorkam, gab man ihr am Tag darauf durch Wiederholung derselben Unwahrheit die standesgemäße Gesellschaft.

Zudem durfte man sich auf das amtliche „Bulletin des Presse- und Informationsdienstes der Bundesregierung“ berufen, das die Morde ebenfalls zu „standrechtlichen Erschießungen“ verniedlicht hatte.

Doch der Prozeß geht weiter: „Denn Mord, hat er schon keine Zunge, spricht mit wundervollen Stimmen.“