Wenn ich der einen überdrüssig werde, verbringe ich die Nacht mit der anderen. Wenn dies auch nicht ordentlich ist, so ist es wenigstens nicht eintönig, und im übrigen verliert wahrhaftig keine etwas durch meine Untreue...“

Es war nicht etwa eine vorübergehende Laune und schon gar nicht Angeberei, was den 28jährigen so schreiben ließ. Er meinte es ernst. Er wollte seinem Freund verständlich machen, daß er mit seiner Arbeitskraft beiden Interessengebieten – denn davon war die Rede, nicht von Frauen; aber er verglich sie mit Frauen, mit einer legalen und einer Geliebten –, daß er beiden gewachsen war und daß das eine Gebiet das andere ergänzte und vertiefte.

„Arbeiten muß man, arbeiten, alles andere hole der Teufel! notierte er einmal. Und er arbeitete wirklich, ohne sich Ruhe zu gönnen. Schon als Zwanzigjähriger hatte er angefangen, die ganze Familie zu ernähren – den Vater, der mit seinem Kolonialwarenladen Konkurs gemacht hatte und vor den Gläubigern fliehen mußte, die Mutter, seine zwei Brüder und seine Schwester. Er tat das neben seinem Medizinstudium, und zwar mit solchem Erfolg, daß die völlig heruntergekommene Familie schon bald regelmäßig in die Sommerferien fahren konnte. Eben jene Arbeit, die das erforderliche Geld einbrachte und die er zunächst als reinen Erwerb ansah, war es, die er schließlich als seine „Geliebte“ ansah. Und deren Anforderungen an Zeit und Kraft wurden schnell immer größer.

Zugleich jedoch wollte er auch der Medizin treu bleiben. Und so hat er auch als Arzt hart gearbeitet – nicht um Geld zu verdienen, sondern wirklich nur um zu helfen. Von frühmorgens bis in die Nacht war er für die Kranken da. Er fuhr in die entlegensten Dörfer, und die meisten seiner Patienten behandelte er umsonst.

Anfangs hatte er seine Tuberkulose zu ignorieren versucht. Mit 28 Jahren schrieb er: „Wenn der Blutauswurf, den ich vor drei Jahren gehabt habe, das Symptom einer beginnenden Schwindsucht gewesen wäre, so würde ich schon längst in der anderen Welt sein...“ Dabei blieb er noch ein paar Jahre. In dieser Zeit machte er mehrere Reisen, auch ins Ausland. Aber selbst da arbeitete er, denn es waren nicht Erholungs-, sondern Forschungs- und Studienreisen. Immerhin konnte er sich auf diese Weise etwas von seiner Familie erholen.

Denn noch immer mußte er für alle seine Angehörigen aufkommen. Er hatte – das war der Traum seines Lebens gewesen – ein Haus mit einem großen Grundstück gekauft, „ein großes Gut“, wie er einem Freund schrieb, „dessen Besitzer man in Deutschland vielleicht den Herzogstitel verliehen hätte. 213 Hektar...“ Und er fühlte sich überaus glücklich. Dann aber luden seine Verwandten Freunde und deren Freunde und Bekannte ein, die manchmal über viele Wochen in seinem Hause lebten.

Alles das strengte ihn immer mehr an. Der 32jährige schrieb: „Ob es körperliches Alter oder Lebensmüdigkeit ist, weiß ich nicht: ich habe keine große Lust mehr zu leben. Freilich bin ich auch nicht bereit zum Sterben.“