Von K. H. Kramberg

Unsereins, der lesende Amateur, ist ja meistens schon dankbar, wenn er für das gerade neueste Buch seiner Abende, an dem der Autor vielleicht neuntausendsiebenhundertachtundsechzig Stunden herumgewerkt hat, rasch die passende Schublade findet. In diesem Fall: er wählt die mit dem Schildchen „neuer Naturalismus“.

Warum „neuer“ Naturalismus? Weil der alte, der von Zola, nach der Firma Holz-Schlaf, nach dem frühen Hauptmann und dem alten Sudermann in unserem kulturellen Gesichtskreis nicht mehr maßgebend war, trotz Kolbenheyers sogenanntem biologischen (aber diese Ideenverknüpfung ist dumm). Wohingegen zum Beispiel in Frankreich – im Gefolge der neueren, esoterischen Stile – just einige Autoren sich dieser quasi wissenschaftlich deskriptiven Methode, menschliches Leben und gesellschaftliches Verhalten in Prosa nachzubilden, wieder entsannen. Neue Naturalisten.

In dieser Art neu, neu im kühnen Regreß auf scheinbar abgestandene Mittel, erscheint mir das Buch von

Dieter Wellershoff: „Ein schöner Tag“, Roman; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 283 S., 17,80 DM

– und deshalb fasse ich das obengenannte Schildchen ins Auge und... aber die Schublade klemmt.

Dieter Wellershoff, geboren 1925, bewährte sich zwar längst im „literarischen Leben“, doch dieses Buch ist sein erster gedruckter Roman. Kein Kind des schöpferischen Überschwangs, das ganz gewiß nicht, aber von vielen lobenswerten Eigenschaften zeugend, um derentwillen man auch im persönlichen Umgang Individuen schätzt: Fleiß, Genauigkeit, kritisches Abwägenkönnen. Nichts von Banausentum, kein eitler Glanz. Dieser Eindruck, den man schon nach wenigen Seiten Lektüre gewinnt, wird zur Gewißheit, wenn der Leser dem Autor wachsam durch die Romanhandlung folgt, von ihren Bildern nicht abschweift und die Nervosität des Reisenden, der am Fenster des Zuges Landschaften vorbeiziehen sieht, in denen zum Verweilen nichts einlädt, konsequent unterdrückt.