Nun zur Gegen wart und zum Teil I "Das Informationsangebot durch Presse und Fernsehen in fünf europäischen Ländern." Dieser Teil enthält viele Einzelheiten, die den Fachleuten zum Studium empfohlen seien. Allgemein zitiert wurden und werden aus dem Buch aber in erster Linie Angaben, die sich im gegenwärtigen Streit zwischen Presse und Fernsehen verwenden lassen. So hat die "Welt" am 13. Juni hierher passende Zahlen Silbermanns, übrigens richtig, zitiert. Doch schon zwei Tage darauf bringt die "Welt" unter Pressestimmen aus dem "Kölner Stadt-Anzeiger" mit der Überschrift "Unfähiges Fernsehen": "Untersuchungen namhafter Wissenschaftler haben erwiesen, daß es dem Publikum nicht einmal ein Zehntel jener sachlichen Informationen vermittelt, die die Tageszeitungen geben." Daran ist nichts richtig. Die Angabe "ein Zehntel" beruht auf mangelndem Verständnis für Prozentrechnung in jener Redaktion.

Hier soll nun erörtert werden, was jene "Untersuchungen namhafter Wissenschaftler" tatsächlich "erwiesen" haben und was nicht. Das klarzustellen ist um so nötiger, als der Verfasser sich an vielen Stellen höchst hochmütig gegenüber anderen Forschungsergebnissen äußert; er tut sie als "Oberflächenerkenntnisse" (Seite 20), "pseudo-soziologisch" (Seite 24) ab, sagt, "sie dringen nicht in die Tiefe" (Seite 91). Andererseits betont er wiederholt die eigene sorgfältige Arbeit. Er suggeriert dem Leser die "Wissenschaftlichkeit" seiner Arbeit nicht nur durch seitenlange Angaben zur Methode, sondern auch durch die Wahl des Ausdrucks. So sagt er nicht, daß das Fernsehen über Ereignisse schneller unterrichten kann als die Presse, sondern, "daß der Schnelligkeitskoeffizient des Fernsehens den der Zeitung überwiegt"; er gibt nicht einfach Ergebnisse wieder, sondern teilt mit, daß "eine hollerithtechnische Auszählung" ergibt... (beide Zitate von Seite 136.)

Das Informationsangebot

Manche Zeitungen haben bereits vor dem Erscheinen des Buches aus ihm zitiert, wie gering die Zahl der in deutschen Fernsehprogrammen enthaltenen Informationen ist, verglichen mit der seriösen Presse. Von 8391 durch die Untersuchung erfaßten Informationen entfallen zum Beispiel auf die "Welt" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" je 25 Prozent, auf das Erste Fernsehprogramm 9 Prozent, auf das Zweite Fernsehprogramm 8 Prozent. "Bild" steht zwischen beiden Fernsehprogrammen. So kann Silbermann sagen: "Rein zahlenmäßig gesehen steht somit das Fernsehen auf dem gleichen Niveau wie die Bild-Zeitung." (Seite 51.)

Der Rezensent unterstellt die Richtigkeit dieser Angaben und ist deshalb mit dem Verfasser völlig darüber einig, "daß ein Niedergang oder gar eine wirtschaftliche Abwürgung der Presse auf die eine oder andere Weise zu einem staatspolitischen Debakel führen würde, da die Presse auf politischem Gebiet stets noch informativer ist als das Fernsehen". (Seite 56.)

Aber: über dieses viel, und wie wir gesehen haben, noch übertrieben zitierte Ergebnis statistischer Berechnungen kann sich nur wundern, wer nicht bedenkt, daß die Zeitungen dem Leser die Informationen im Raum nebeneinander anbieten, er also leicht entscheiden kann, welche er aufnehmen will –, während Hörfunk wie Fernsehen Informationen nebeneinander in der Zeit anbieten. Dabei kann der Hörer oder Zuschauer nicht ebenso frei jederzeit aus der Gesamtheit der Informationen diejenigen auswählen, die er aufnehmen will. Darum können Zeitungen seitenweise Börsenkurse und Einzelmeldungen aus dem lokalen oder wirtschaftlichen Bereich bringen, während das Fernsehen das nicht stundenlang tun könnte.

Von diesem grundlegenden Unterschied zwischen den Medien ist in dem Buch überhaupt nicht die Rede. Ja, der Verfasser scheint ihn nicht zu kennen. Denn er berücksichtigt nicht, daß man sich zwar mehrere Zeitungen täglich kaufen und aus ihnen persönlich gewünschte Informationen auswählen kann, aber gewiß nicht ebenso aus mehreren Fernsehprogrammen, die ja gleichzeitig nebeneinander ablaufen.