Von Dietrich Strothmann

Genfer Besucher erinnern sich, wenn sie von ihren Streifzügen durch diese rege und reizvolle Weltstadt berichten, auch an eine eigentümliche Mauer mit den steinernen Figuren der Reformatoren. Johann Calvin, der Genfer Zuchtmeister der Protestanten, ist dort zu sehen und John Knox, der schottische Puritaner-Prediger. Sie halten die Bibel in ihren Händen, lesen unverwandt darin. Männer sind es, die in der Welt Geschichte machten, Kirchengeschichte. Ihr Blick ist von frommer Strenge. Kraft liegt in ihm; Wille, die Welt vor den Kirchentoren zu wandeln; gläubige Hoffnung, die Menschen rundum mit der Botschaft des Heils aufrühren zu können.

Wer sich an Willem Adolf Visser t’Hooft erinnert, ob Besucher in seinem weiträumigen Genfer Arbeitshaus nahe des UN-Komplexes oder Mitarbeiter in den Büros des Weltkirchenrates, vergleicht ihn oft mit jenen Steinfiguren an der Mauer: die straffe, aufrechte, muskulöse Gestalt; der schmale, hohe Kopf; der klare, durchdringende Blick, der angespannte Energie verrät; der unbeugsame Wille; das unerschütterliche Vertrauen in die Botschaft der Bibel; die nie erlahmende Bereitschaft, der Kirche zu dienen. Dies alles mache, so wird erzählt, Visser t’Hooft den Reformatoren ähnlich.

Ihm, der fast dreißig Jahre lang als Generalsekretär dem ökumenischen Rat der Kirchen vorstand, sind viele Beinamen gegeben worden: ein christlicher Stabsoffizier sei er gewesen, Gehirn und Motor des Weltkirchenrates, sein Seelsorger, sein Ingenieur; manche gar nannten ihn, der zuletzt über zweihundert Kirchen aus aller Welt ökumenisch „verwaltete“, einen „protestantischen Papst“ und meinten das durchaus anerkennend.

Solche Ehrentitel wurden Visser t’Hooft nicht etwa nur bei festlichen Anlässen zuerkannt, bei den zahlreichen Verleihungen von Doktorwürden (amerikanischen, japanischen, kanadischen, ungarischen) zum Beispiel oder von Orden. Die fast schon sprichwörtliche Hochachtung vor diesem Mann und seiner Arbeit war vielmehr etwas Selbstverständliches, sie folgte ihm auf Schritt und Tritt.

Die Bescheidenheit des großmütigen Dieners seiner Kirche, der in der Welt wirkt, sich von ihrem Schein aber nicht blenden läßt, ist Teil seines Wesens. Sie vor allem ist es, die ihn, den gebürtigen Holländer, beherrscht. Sein Großmut war von reformatorischem Temperament: vor dem angeblich Unlösbaren, Unerreichbaren nicht zu kapitulieren, mit dem Eifer des Gläubigen, dem jede frömmelnde Eilfertigkeit und Rechthaberei fremd sind, den Weg zum gesteckten Ziel unbeirrt im Auge zu behalten, keine Pfründen zu verteidigen, sondern Neuland zu erobern.

Dies war ehe der Zweite Weltkrieg ausbrach, in den Jahren, als die Welt in Brand stand, in der Zeit des Zusammenbruchs und dann in der Epoche des Kalten Krieges eine Aufgabe, die großen Mut verlangte: sich für die Einheit der Kirche einzusetzen, ihr den Grund zu legen, das organisatorische Fundament. Jenes historisch gewordene öffentliche Zwiegespräch zwischen dem Paderborner Erzbischof Lorenz Kardinal Jaeger und dem rheinischen Präses Professor Beckmann 1965 auf dem Kölner Kirchentag war eine der Folgen aus dem Wirken des Weltkirchen-„Technikers“ Visser t’Hooft, wie auch seine Begegnung mit dem Kardinal Bea in dem Genfer Sekretariat. Indessen war sein aktiver Optimismus nie von der Art eines blinden Illusionismus, stets mißtraute er hochfliegenden Prämissen. Wunschträume waren ihm, der die Dinge achtete, die Zustände einkalkulierte, fremd. Der Weg, so wußte er, der von Wittenberg nach Rom führt, ist weit.