Von Tadeusz Nowakowski

Ein Pole in Paris. So könnte man es auch nennen, obwohl das neue Buch von

Jerzy Andrzejewski: „Siehe, er kommt hüpfend über die Berge“, Roman, aus dem Polnischen von Peter Lachmann; Verlag Langen-Müller, München; 214 S., 18,50 DM

mit den gefärbten Bonbons von Gershwin nichts zu tun hat. Daß Paris eine Messe wert ist, hat sich in Warschau seit Generationen herumgesprochen. Die Seine – pflegt man in Polen mit edler Übertreibung zu sagen – sei der linke Nebenfluß der Weichsel. „Was der Franzose immer auch ausheckt, das liebt der Pole“, seufzte schon vor hundertzweiunddreißig Jahren der „polnische Goethe“, Mickiewicz, in seinem Nationalepos „Pan Tadeusz“. Und hätte Napoleon Bonaparte der bildschönen Pani Walewska nicht ein Kind gemacht, wäre der heutige Präsident der Franzosen vielleicht nur halb so beliebt in Volkspolen.

Freilich, es geht jetzt weniger um jenen von den Zigarettenfabrikanten besungenen „Duft der großen weiten Welt“; es geht um den geistigen Standort eines Volkes von unverbesserlichen Frankophilen. Kein Geringerer als Joseph Conrad, von Geburt Pole, schrieb einst: „Das Schicksal hat es schon gut mit uns Polen gemeint, als es die Franzosen dazu ersah, unser Leben zu beflügeln.“ Man braucht heute nur die Verlagskataloge, die Programme der Kinos und Theater, die Modejournale in Warschau und Krakau zu durchblättern. La douce France gilt nach wie vor als das Ursprungsgebiet polnischer Aufklärung und polnischen Schliffs (den sympathischen Mythos von dem Menschenrecht nicht zu vergessen).

Die Polen und die Franzosen! Die Geschichte einer unerwiderten Liebe. Wie hat sich der junge Romancier Andrzejewski vor achtundzwanzig Jahren gefreut, als ihn die Warschauer Kritiker als „polnischen Mauriac“ feierten! Die Pariser Rezensenten hingegen – was ich mit gewisser Melancholie feststellen muß – haben Mauriac niemals den „französischen Andrzejewski“ genannt. So ergeht es uns kleineren Völkern und entfernten Verwandten.

Frankophilie hin, Frankophilie her; daß die Handlung des neuen Buches von Andrzejewski im heutigen Frankreich spielt, mutet^schon wie ein Wagnis an. Nur wenige Polen riskieren den kühnen Ausbruch aus der polnischen Thematik. Es kommt selten vor, daß die Handlung eines polnischen Werkes außerhalb des polnischen Land-, Wasser- und Lufthoheitsgebietes spielt oder daß die Seiten eines polnischen Romans von waschechten Ausländern bevölkert werden. Die erblich belasteten Anhänger jener Platzangstliteratur, die die geistige Stubenhockerei irrtümlicherweise für patriotische Tugend hält, sind dabei einer wohlgeborenen Tradition treu geblieben: Bleibt zu Hause und ernährt eure Leser redlich! Schon die Klassiker wie Pius („Pharao“) oder Sienkiewicz („Quo vadis?“) erlaubten zwar ihren Romanhelden großzügig, in Ägypten oder Rom herumzulaufen; in Wirklichkeit aber waren es doch besser oder schlechter verkleidete Polen.