Den drei ZEIT-Redakteuren, die im Frühjahr 1964 durch die DDR reisten, war er als ökonomischer Wunderknabe Walter Ulbrichts vorgeführt worden: Dr. Siegbert Löschau, dadamals Leiter der Leuna-Werke, des größten Industrieunternehmens zwischen Elbe und Oder. Er habe maßgeblich an der Ausarbeitung des Neuen ökonomischen Systems mitgewirkt, bedeutete man uns, und eine große Karriere stehe ihm bevor. Tatsächlich wurde er nach Apels Selbstmord im Dezember 1965 Chemieminister, Mitglied sogar des Präsidiums des DDR-Ministerrates. Doch schon wenige Monate später, Anfang Mai 1966, wurde er dieser Funktionen wieder entkleidet. Und jetzt stand in "Neues Deutschland": Löschau ist wegen "unwürdigen Verhaltens" aus dem SED-Zentralkomitee ausgeschlossen worden.

Ich erinnere mich, es war ein grauer, naßkalter Märztag, als wir Leuna besuchten. Grau und naßkalt wirkte auch das Direktoriumsgebäude. Da war nichts von der gepflegten Chrom- und Glas-Atmosphäre westlicher Unternehmensleitungen zu spüren, auch nicht in dem bieder eingerichteten Chefzimmer mit seinem riesigen Konferenztisch. Es gab grusinischen Kognak, wenn ich mich recht entsinne, und bulgarische Zigaretten. Löschau selber trug einen leicht zerknitterten grauen Anzug, das Hemd war nicht ganz glattgebügelt. Im übrigen herrschte kein Schlipszwang im Kreise des Leitungskollektivs. Die meisten seiner Mitglieder waren jung – wie der Chef, der damals, gerade 35 Jahre zählte.

Wir hatten uns Löschaus Lebenslauf vorher angesehen: Jahrgang 1929, Sohn eines sächsischen Drehers, SED-Mitglied 1946, danach Abitur, Diplomchemiker, Dr.-Ing., immer wichtigere Industrieposten, SED-Bezirksleitung Halle, "Aktivist", "Verdienter Aktivist", "Verdienter Techniker". Im Revers trug er das SED-Parteiabzeichen. Ein gut geschnittenes Gesicht; blonde Haare, kühle Augen. Ein Mann, der sachlich redete, flüssig, doch ohne Effekthascherei, ab und zu eine Bemerkung mit der Zigarre in der rechten Hand unterstreichend.

Den gleichen Schlag hatten wir anderswo schon kennengelernt, aber hier trafen wir ihn in Reinkultur: den kommunistischen Manager. Ein neuer, alerter Typ, dem Wörter wie Generalprojektant, volkswirtschaftliche Verflechtungsbilanz, Investträger, Kostenautonomie und optimale Variante flott über die Lippen gehen. Löschau sprudelte Statistiken hervor, Stolz sprach aus der Aufzählung. Im Kriege war Leuna zu 80 Prozent zerstört worden, jetzt produzierte es doppelt so viel wie 1943. Die Belegschaft war auf 30 000 angewachsen, darunter 150 Mann ingenieurtechnisches Personal. Soziale Einrichtungen: Großwäscherei, 1100 Plätze im Kindertagesheim, Werksverpflegung für 15 000 Menschen. Weitere Pläne: Verdoppelung der Produktion nach Fertigstellung von Leuna II.

Als wir Leuna verließen, hatte ich nicht den geringsten Zweifel, daß Löschau vom Grunde seines Herzens Kommunist sei. Freilich: ein unorthodoxer, pragmatischer Kommunist. Kurz vor unserer Begegnung hatte er sich in Gesprächen mit Redakteuren der Halleschen SED-Zeitung "Freiheit" über die Unbeweglichkeit der DDR-Wirtschaftler und ihren fehlenden Mut zum Risiko beklagt. Die "offiziellen und gesetzlich, vorgeschriebenen Wege" empfand er als hinderlich: "Sie verbrauchen sehr viel Nervenkraft, sehr viel Zeit, sehr viel Initiative, die wir für andere Zwecke nutzen könnten." Ruhig mal gegen die Gesetze arbeiten, wenn es nur dem Staate nützt – das schien seine Devise zu sein.

Zunächst zahlte sich Löschaus zupackende Direktheit aus; er wurde Minister. Aber schon nach viermonatiger Amtszeit wurde er wieder gestürzt, jetzt noch einmal zurückgestuft. Aus welchen Gründen?

Genaues wissen wir nicht. Im Mai gab es Zeitungsberichte, die sich auf angebliche Äußerungen von Ostblockdiplomaten beriefen, wonach er gegen die Verschleppungstaktik Ulbrichts in Sachen Redneraustausch aufgetreten sei. Löschau selber stritt das ab; in "Neues Deutschland" schrieb er damals: "... möchte ich feststellen, daß die die gesamte deutsche Arbeiterklasse angehenden Fragen auf dem Plenum mit hoher Sachlichkeit behandelt wurden und nach ausführlicher Diskussion die Zustimmung aller Genossen des ZK fanden.... Ich vertraue dem Genossen Walter Ulbricht und dem Politbüro und stehe vollinhaltlich hinter der Politik von Partei und Regierung."