Edwin Erich Dwinger: Die zwölf Gespräche 1933–1945. blick + bild Verlag, Velbert. 248 Seiten, 22,80 DM.

Edwin Erich Dwinger, ein „Kieler Seeoffizierskind“, wie er von sich selbst sagt, geriet 1914 als Fähnrich in Ostpreußen in russische Gefangenschaft. Was er hinter Stacheldraht und während der Kämpfe zwischen der Roten Armee und den Weißen des Admirals Koltschak erlebt hat, beschrieb er als Chronist – objektiv, doch mit allen Sympathien auf Seiten der letzten reiterlichen Kavaliere. Rittmeistertypen, wie auch Werner Bergengruen sie beschrieben hat, mit dem Glanz untergehenden Edelmenschentums, kommen in allen seinen Büchern vor – bis hin zu seinem letzten Buch „Wir rufen Deutschland“. Langenbucher stuft Dwinger in seiner 1940 erschienenen Literaturgeschichte „Die deutsche Gegenwartsdichtung“ in den Abschnitt II „Das Volk als Schicksalsgemeinschaft“ ein und weist besonders auf die 1935 erschienenen „Letzten Reiter“ hin, die den Freikorps ein Denkmal setzten.

Wir Jungen haben alle Bände von Dwinger mit Haut und Haaren verschlungen; man trug damals Heldentum in jeder Form, und kaum jemand konnte ahnen, daß der seinen Erbhof bewirtschaftende Schriftsteller „im Grunde immer Landwirt war“, das Bücherschreiben nur als Nebenberuf betrieben hat, wie er heute versichert, im übrigen aber als erklärter Gegner der Nazis Denkschrift um Denkschrift verfaßt hat, um gegen die Ostpolitik des Dritten Reiches zu protestieren.

Auf Seite 179 seines neuen Buches, das er sich wohl hat abringen müssen, obwohl er viel lieber in Ruhe Pferde züchten würde, schreibt er, er habe den Sieg über den Bolschewismus gewollt, ganz gleich in welchem Lande – „obwohl ich immer in erster Linie Antitotalitarist, erst in zweiter Linie Antikommunist war“. Zwölf Gespräche zwischen 1933 und 1945 hat er mit maßgebenden Leuten von Guderian bis Himmler, von Schirach bis zum Gauleiter Forster geführt, allen klipp und klar gesagt, was man tun müsse, hat riskante Denkschriften geschrieben, die ihm das Historical Document Center Washington jetzt zurückerstattet hat, so daß er jeweils daraus zitieren kann, und schließlich zwei Offizieren des amerikanischen Heeres, Oberst Snyder und Hauptmann Raber, die Augen darüber geöffnet, was die Vereinigten Staaten hätten tun sollen, um den Krieg wirklich zu gewinnen.

Alle, mit denen Dwinger gesprochen hat, haben ihm recht gegeben, und er läßt einen fühlen, er habe in praktisch allen Punkten recht behalten, auch in Fragen der „Globalpolitik“ – das soll ihm erst einmal jemand nachmachen. Offenbar ist er der ehrlichen Überzeugung, von Nationalsozialismus durch Welten getrennt gewesen zu sein, und begreift nicht, wie sehr er als „Chronist“ Deutschlands einen Geist verbreitete, der schließlich alle Hirne vernebelte, den Geist landsknechtshaften Heldentums. Sein neues Buch, das die seinerzeit geführten Gespräche zu allem Überfluß in wörtlicher, direkter Rede wiedergibt, entlarvt ihn als überheblichen Mann, dessen Wille, im Detail recht zu behalten, über jede mögliche Einsicht zu siegen scheint. Daß er es nicht vorzog zu schweigen, kennzeichnet die neblige, von nationalen Tönen in steigendem Maße durchdrungene Atmosphäre, in der wir neuerdings leben: schon zittern die morschen Knochen wieder, und die Dwinger rechtfertigen sich. Hannsferdinand Döbler