Von Hanns Grössel

Der Ausschnitt aus der zeitgenössischen französischen Belletristik, den deutschsprachige Verlage zeigen und der von einer gemäßigten, zuweilen mäßigen Avantgarde bestimmt wird, hat sich um einen bedeutenden neuen Autor erweitert: Pierre Klossowski.

Er wurde 1905 geboren und ist der Sohn Baladine Klossowskas, jener Malerin, mit der Rilke Schloß Muzot entdeckt hat und die in seinen Briefen auch als „Merline“ figuriert. Nach theologischen Studien in Lyon und Paris veröffentlichte Klossowski 1947 sein erstes Buch, „Sade, mon prochain“, schrieb später für Sartres Temps modernes und beschäftigte sich mit Übersetzungen aus dem Lateinischen und dem Deutschen: So hat er Werke von Hamann, Kafka, Nietzsche und Scheler ins Französische übersetzt. 1954 erschien „Roberte ce soir“ und fünf Jahre darauf „La Revocation de l’Édit de Nantes“, dem 1960 „Le Souffleur folgte. Klossowski hat diesen drei Büchern ein Vor- und ein Nachwort hinzugefügt und sie im vergangenen Jahr unter einem Sammeltitel neu herausgegeben. Sie liegen jetzt auf deutsch vor –

Pierre Klossowski: „Die Gesetze der Gastfreundschaft“ (Originaltitel: „Les lois de l’hospitalite“), Romantrilogie, aus dem Französischen von Sigrid v. Massenbach; Rowohlt Verlag, Reinbek; 382 S., 30,– DM.

Obwohl „Der Widerruf des Edikts von Nantes“ nach „Heute abend, Roberte“ erschienen ist; bildet dieser Roman den ersten Teil derTrilogie. Er enthält zunächst Tagebucheintragungen Professor Octaves und seiner Frau Roberte, die beide im Jahre 1954 einsetzen.

Octave, Professor für kanonisches Recht, aber seit einiger Zeit (und wohl nicht nur aus Altersgründen) seines Lehramts enthoben, nutzt seine Muße dazu, einen systematischen Katalog seiner Gemäldesammlung anzulegen. Geschärfte Aufmerksamkeit widmet er den Bildern Frederic Tonnerres, eines imaginären Zeitgenossen Courbets – „nicht ausstellbare“ Raritäten, deren Sujets von interessanter Gleichförmigkeit sind, denn stets werden auf ihnen Szenen mehr oder minder gewaltsamer Verführung dargestellt. Octave analysiert diese Szenen und entdeckt, daß Tonnerre darin jenen Augenblick festgehalten hat, wo sich „moralische Abwehr und der Einbruch der Lust in ein und derselben Seele und in ein und demselben Körper vollziehen“. Dieses Nebeneinander widerstreitender Regungen findet emblematisch Ausdruck in der Hand der Verführten: Indem sie mit ihr den Zudringling abzuwehren sucht, bietet sie ihm zugleich eine Angriffsfläche dar; die Hand ist erogene Zone und Abwehrorgan in einem.

Roberte hingegen, Urenkelin und Tochter kalvinistischer Pastoren, hat ihr Tagebuch als Protokoll einer Gewissensforschung angelegt. Besonders oft kehrt sie in Gedanken zu einer Episode ihres vorehelichen Lebens zurück: Sie ist 1944 als freiwillige Helferin des schwedischen Roten Kreuzes nach Rom gegangen, um dort in einem Hilfslazarett, das Verwundete beider Lager aufnahm, Pflegedienste zu leisten. Ein hoher SS-Offizier hat ihr die Schlüssel zu einem Tabernakel gegeben, in dem die Namenslisten jüdischer Kinder versteckt waren, die als Geiseln gefangengehalten wurden. Bei dem Versuch, diese Listen an sich zu bringen, hat sie versagt.