Für den Staatsmann Paul Reynaud, der, 87jährig, in Paris starb, hat es nur ehrenvolle Nachrufe gegeben, abgesehen von den Stimmen der Kommunisten, die ihm ihre Feindschaft über den Tod hinaus bewahrten. Sogar de Gaulle, den Reynaud in den letzten Jahren leidenschaftlich und unnachsichtig angegriffen hat, fand Worte der Anteilnahme – „Ich bin persönlich sehr bewegt“ – beim Abschied von dem Manne, der einmal Schicksal in seinem Leben gespielt hat.

Die beiden waren einander nicht immer Feind. Im Gegenteil, Reynaud, der wortgewandte Parlamentarier, der schon einige Ministerämter innegehabt hatte, war der erste, der 1935 für die Vorschläge eines gewissen Oberstleutnants de Gaulle eintrat. Gefordert wurde eine Panzerwaffe von elf Divisionen, ferner moderne Geschwader von Jagd- und Bomberflugzeugen. „Verzichten wir darauf“, so rief Reynaud im Parlament aus, „so werden wir erleben, daß die deutsche Armee Polen zertrümmert und über seinen Leichnam hinweg der Roten Armee die Hand reicht, um dann nach Frankreich einzudringen.“ Eine erstaunlich frühe Prophezeiung, der denn auch allgemein nicht geglaubt wurde, am wenigsten von den Generälen.

Als der Prophet aber recht behielt, machte man ihn, der Ende 1938 im Kabinett Daladier das Finanzressort übernommen hatte, zum Ministerpräsidenten. Das war im März 1940. Im Mai rief er den alten Marschall Pétain, der Botschafter in Madrid war, nach Frankreich zurück. Und Anfang Juni verpflichtete er sich den zum Brigadegeneral „auf Zeit“ ernannten de Gaulle als militärischen Unterstaatssekretär, doch es war zu spät. Nichtsdestoweniger wollte Reynaud angesichts der Niederlage nicht aufgeben. Er plante, den Krieg von Afrika aus fortzusetzen. Sein Plan scheiterte, und er trat zurück, während de Gaulle von London aus seinen historisch gewordenen Appell vom 18. Juni an die Franzosen richtete, daß sie die Schlacht, nicht aber den Krieg verloren hatten.

In den Kriegserinnerungen de Gaulles finden sich Schilderungen, in denen die Gestalt Reynauds profiliert hervortritt: „Er war an die Spitze der Regierung am Vortage unseres Unglücks berufen worden, ohne daß er Zeit gehabt hätte, ihm vorbereitet entgegenzutreten, und dies, nachdem er lange vorher schon eine Militärpolitik vorgeschlagen hatte, die das Unheil hätte abwenden können. Doch trat er dem Sturm mit einer Herzhaftigkeit entgegen, die ihn nie verließ ... Schonungsloser Krieg oder sofortige Kapitulation: es gab nur diese extremen Alternativen. Paul Reynaud identifizierte sich vollständig mit der ersten und machte Pétain Platz, der die zweite annahm ... Man muß sagen, daß im entscheidenden Augenblick das Regime dem Chef der letzten Regierung der III. Republik keinerlei Hilfe angedeihen ließ.“

Daß Pétain ihn festnehmen ließ, nachdem Reynaud sich von einem Autounfall erholt hatte, dem übrigens seine Begleiterin, die Gräfin de Portes, zum Opfer gefallen war, daß er schließlich ins Konzentrationslager Oranienburg verschleppt wurde, hat nicht gehindert, daß er der historischen Figur des Marschalls und Siegers von Verdun Gerechtigkeit wiederfahren ließ und daß er uns Deutschen verzieh; dies schon deshalb, weil, wie er sagte, „in der Welt von heute kein Platz ist für Länder, die nur vierzig Millionen Einwohner haben“. Mit anderen Worten: Er war überzeugter Anhänger einer europäischen Integration und legte, nachdem er noch einmal Finanzminister gewesen war (1948), den größten Wert auf die Ämter, die er im Europarat und in europäischen Gremien innehatte.

Wie geschah es aber, daß seine letzten Jahre vollständig durch den Kampf gegen de Gaulle ausgefüllt wurden?

Reynaud hatte die Rückkehr des Generals an die Macht im Mai 1958 uneingeschränkt und voller Freude begrüßt. Er unterstützte ihn bei seiner Algerien-Politik; er war gleicher Meinung mit ihm, daß konstitutionelle Änderungen im Regierungssystem vorgenommen werden müßten – hatte er doch. oft genug als Minister erfahren müssen (zuletzt noch als Mitglied des Kabinetts Queuille, 1950), wie Regierungen gestürzt wurden, kaum, daß sie ihre Aufgaben hatten anpacken können! Er stimmte mit de Gaulle darin überein, daß die Kolonien aufgegeben werden müßten, wenn deren einheimische Führer die Selbständigkeit wollten.