Lagos, Ende September

Was einst für den Kongo galt, trifft jetzt auf Nigeria zu: Nichts ist in Afrika unmöglich, nichts ist sicher. Diese Bundesrepublik, mit 54 Millionen Einwohnern der volkreichste Staat auf dem Kontinent, zerfällt unaufhaltsam, und die Frage lautet nur noch, wie tief die Gräben bleiben werden, die sich zwischen den vier Regionen und den großen Volksstämmen des Landes auf getan haben. Die Empfehlungen der Verfassungskonferenz, die der machtlose Militärbefehlshaber Oberstleutnant Yakubu Gowon nach Lagos einlud, stehen nur auf dem Papier. Entscheidend ist, was in der Praxis aus ihnen wird.

Niemand in Lagos ist glücklich über diese prekäre Lage, die nach den beiden Putschen junger Ibo-Offiziere aus dem Osten im Januar und der rachedürstenden Emire und ihrer moslemischen Anhänger aus dem Norden an der Monatswende zwischen Juli und August entstand. Jedesmal ist viel Blut geflossen, Grausamkeiten wurden bedenkenlos verübt und geduldet. Mitten auf der Carter Bridge in Lagos schossen Haussa-Soldaten einen Ibo-Offizier im Jeep förmlich aus dem Verkehrsgewühl heraus. Andere Ibos wurden gezwungen, in Fässer mit tödlicher Säure zu springen.

In den letzten Monaten sind zwischen 60 000 und 250 000 Ibos, vor allem aus dem islamischen Norden, wo sie organisierten Progromen ausgesetzt waren, in ihre Stammesheimat im Osten Nigerias geflüchtet. Der Verlust für das Wirtschaftsleben der übrigen Landesteile ist kaum abzuschätzen; denn die arbeitsamen, fleißigen, zugleich aber nicht allzu rücksichtsvollen Ibos bildeten die verläßlichsten Kader in Handel, Gewerbe, Industrie und Verwaltung. In den Zeitungen kündigte eine Versicherungsgesellschaft an, daß sie „umständehalber“ ihre Direktion im nördlichen Kano habe schließen müssen; die „Umstände“ sahen so aus, daß ihr von einem auf den anderen Tag das gesamte Ibo-Personal aus Todesfurcht davonlief. Ein schweizerisches Warenhaus in Kaduna, gleichfalls im Norden, büßte an einem einzigen Tage 23 Ibo-Angestellte ein; das waren sämtliche Buchhalter, Kassierer und Lagerverwalter.

Kein Wunder, daß man der von dem ohnehin recht aufsässigen Militärgouverneur Oberst Ojukwu geleiteten Ostregion finstere Absichten nachsagt. Die Proklamierung eines eigenen, völlig unabhängigen Staates unter dem Namen Biafra (nach der Meeresbucht vor der Küste so benannt) wurde zeitweilig befürchtet. Andere Landeskenner sprechen von dem beschleunigten Aufbau einer Ostregions-Armee, komplett mit Luftwaffe. Aber nachdem die Gemüter sich Mitte September ein wenig abgekühlt hatten, erklärte sich auch der Osten bereit, an den weiteren Beratungen über das künftige Zusammenleben der nigerianischen Völker mitzuwirken.

Die Ungewißheit über die Zukunft des Landes führt zu wilden Gerüchten, Spekulationen, hypothetischen Konstruktionen. Achtzehn nigerianische Bundesstaaten schlug der freigelassene Führer des Yoruba-Westens, Chief Awolowo, in einem freilich privaten Memorandum vor. Mit zwölf Staaten wollten es die unzufriedenen Tivs aus dem Middle Belt bewenden lassen. Arglos wurde darüber diskutiert, ob sich Theorie und Praxis der Schweizer Verfassung auf Nigeria übertragen ließen. Und dadie Armee unter allen Umständen dem Bundesbefehl entzogen werden muß, wollen einsichtige Kräfte wenigstens die winzige Marine als Bindeglied der Nation erhalten, zusammen mit der Eisenbahn, der Post, der Außenpolitik. Einige der vier Regionen beanspruchen für sich die Zollhoheit; was indessen unter diesen Umständen aus der gerade vollzogenen Assoziierung Nigerias mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft werden soll, vermag niemand zu sagen.

Dennoch hat Nigeria einige Aktiva vorzuweisen, die hoffen lassen, daß das Schlimmste verhütet werden kann. So versieht der Behördenapparat inmitten aller Unruhe und aller Gerichte pflichtbewußt und reibungslos seinen Dienst. Wenn Nigeria und vor allem seine Wirtschaft einer Katatstrophe entgehen, wird es diesem vorzüglichen Civil Service zu verdanken sein. Doch schon stocken die Neuinvestitionen aus dem Ausland; unternehmerische Initiative erlahmt aus Furcht vor der ungewissen Zukunft – und das in einem Augenblick, da Nigeria sich anschickt, zum ersten Male einen Handelsbilanzüberschuß zu erwirtschaften.

Die Unsicherheit treibt allerdings zuweilen auch groteske Blüten. Der Satz in einem Pressetelegramm – „Die Zensur ist abgeschafft, aber wenn ausländische Korrespondenten Berichte in fremden Sprachen telegraphieren wollen, werden sie freundlich gebeten, eine englische Übersetzung beizufügen, damit das Kabel expediert werden könne“ – fiel eben dieser Prozedur zum Opfer. „Ich möchte nicht erschossen werden“, sagt der Telegraphenbeamte. Er lächelte dabei, doch offenbar meinte er es ernst. Dieter Döllken