Unser Kritiker sah:

EIN PATRIOT FÜR MICH

Stück von John Osborne

Theater am Goetheplatz, Bremen

Vor vier Jahren leitete die Deutschland-Premiere von Osbornes „Luther“ eine neue Theaterära in Bremen ein. Auch die jüngste deutsche Erstaufführung eines Osborne-Stücks fiel Bremen und dem Regisseur Peter Zadek zu. „Oberst Redl“, wie man es präziser titulieren sollte, ähnelt jenem „Luther“ in der literarischen Machart. Hatte der Mönch Bauchweh gehabt, weswegen er die reformatorische Frage stellte „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“, so ist der Abwehrchef der k. u. k. Armee (1913) „schwul“ (pardon, aber so steht’s bei Osborne), daraus erklärt sich seine zeitweilige Tätigkeit als virtuoser Doppelspion. Die Russen, deren Geheimdienst Redl auf die Schliche gekommen war, hatten ihn erpreßt. Eine Kugel in den eigenen Mund war das Ende einer historischen Affäre.

Wer ist nun innerhalb von vier Jahren so schlecht geworden, daß sich die Bilder nicht mehr gleichen – das Theater, der Regisseur oder der Autor? Zadek hat oft genug gezeigt, welche Effekte er zu setzen, wie er ein Ensemble buchstäblich die Wände hochzujagen vermag (besonders im Musical). Seine „Redl“-Inszenierung jedoch war miserabel.

Durch den Tick des Bühnenbildners Wilfried Minks, überdimensionierte „Zeichen“ den ganzen Abend lang als Symbolfiguren (die sie nicht sind) stehenzulassen, wurde das Spielfeld zerstückelt. Obwohl Osbornes Redl-Biographie ein Bilderbogen (aus dreiunddreißig Szenen) und ein Milieustück ist, wurde gebrechtelt, „verfremdet“, das Spiel alle paar Minuten durch Umbautrupps unterbrochen, als ob es auf etwas außerhalb der Theaterillusion hinzuzeigen gelte: Zadek lieferte den an sich schon schwachen Osborne dem Publikumsgelächter aus, wenn Männlein und Weiblein und Männlein und Männlein, die da beieinander liegen, notdürftig bekleidet zwischen Bühnenarbeitern „abgehen“ müssen und immer wieder ein anderes Bett auf die Bühne getragen wird.