Von Heinz Maegerlein

Es hat im äußeren Bild glanzvollere Turnweltmeisterschaften als diese von Dortmund gegeben, die vorhergehenden von Prag im Jahre 1962 etwa. Es hat mehr Zuschauer gegeben, bei allen, die vor Dortmund standen. Aber es hat niemals größere Leistungen gegeben, ja nicht einmal ebenso große. Die Lehre dieser Tage in der Westfalenhalle ist eindeutig: nirgends ist ein Ende abzusehen, es fließt alles weiter: die Suche, die schöpferische nach immer neuen Formen, das Streben nach immer größerer Perfektion. Und – das beste zum Schluß: das Kunstturnen, das lange Jahre hindurch seinen Namen doch mehr oder weniger zu Unrecht führte. – Freilich gilt dies vor allem für das Turnen der Frauen und Mädchen, weit weniger für die Leistungen der Männer. Mit Recht wandten sich nicht wenige, die das Turnen seit Jahren und Jahrzehnten lieben, mit Grausen ab, als sie mit ansehen mußten, was die Männer als Bodenturnen auffaßten: einfallslose Aneinanderreihungen von Überschlägen, Flik-Flaks und Saltis, dazwischen, weil der Mensch ja auch einmal verschnaufen muß, ein paar Posen, vor allem Standwaagen. Aber wahrscheinlich sind wir ungerecht: wahrscheinlich sind diese Übungen nicht schwächer als die von Tokio und Prag gewesen, aber inzwischen haben die Frauen und Mädchen gerade in dieser Disziplin einen so weiten Weg zurückgelegt, daß man, denkt man etwas weiter und formuliert etwas überspitzt, im Grunde die Abschaffung des Bodenturnens für Männer wünschen müßte.

Dieses Bodenturnen – welch antiquierter Ausdruck für diese Synthese von Ballett, Akrobatik und Gymnastik! – der Frauen und Mädchen war der absolute und zusammen mit dem Reckturnen der Männer einsame Höhepunkt dieser fünf Weltmeisterschaftstage. Es wird hier ganz sicherlich Widerspruch nicht ausbleiben: vor allem ältere Menschen werden fragen, ob es denn wirklich nötig sei, mit kessen kleinen Schrittfolgen, mit frechen, sehr jungen Bewegungen aufzuwarten, daneben Schritte aus Volkstänzen der Länder einzubauen. Sie werden möglicherweise nicht einverstanden sein, daß mehrere – wir meinen die besten! – Übungen mit jähen Posen oder mit weichem Zusammensinken auf dem Podium endeten. Aber niemand wird leugnen können, daß bei den allerbesten die Musik glänzend interpretiert wurde. Und das ist doch ein kleines Wunder bei einer so neuen, so jungen Form. Denn während selbst bei ausgezeichneten Eiskunstläufen die Bewegung doch noch arg neben der Musik herläuft und nur ganz selten der Einklang von Musik und Bewegung erreicht wird, ist das den Weltbesten Turnerinnen schon sehr weitgehend in sehr kurzer Zeit geglückt. Freilich müssen die Sachwalterinnen im Internationalen Turnerbund hier sehr aufpassen: daß sie ausgerechnet die Darbietung der Sinaida Drouginina, die in einzelnen Teilen doch allzu sehr an billigere Tanzerei erinnerte – so großartig sie auch in anderen Teilen war und so unbestreitbar sie gut honoriert werden mußte! – mit der höchsten Note aller Tage bedachten, darüber schüttelten, soweit wir herumhörten, doch nahezu alle den Kopf. Wir glauben, daß da eine weitere Wertung der Schlußminuten dieser Weltmeisterschaft zumindest anfechtbar war: Vera Caslawska war in ihrer Kürübung die reifste, war jene, die am besten die Musik interpretierte – und dabei ganz gewiß zumindest die gleichen Schwierigkeiten brachte wie ihre Gegnerinnen. Und doch erhielt sie die schwächste Wertung der drei besten: Erst kam Sinaida Drouginina, dann Natalie Kutschinskaja, und dann erst Vera Caslawska – in der Wertung der Kampfrichterinnen, und mit diesen Wertungen kamen die einsamsten Minuten für die größte Turnerin des letzten halben Jahrzehnts: ganz allein stand sie inmitten der Tausende. Keiner trat auf sie zu. Keiner gab ihr ein tröstendes Wort. Sie stand, als sie die Wertung der acht Jahre jüngeren Natalie aus Leningrad hörte wie jemand, der ein unfaßbares Urteil entgegennehmen muß. Sie begriff die Richterinnen nicht – und wir begriffen sie ebenfalls nicht. Hatten sie nicht gesehen, wieviel reifer diese Übung war? Spürten sie nicht, daß sie ein wahres Kunstwerk war? Etwas Ganzes, so vollendet wie nie zuvor irgendeine andere Übung im weiten Feld des Turnens? Vielleicht wollten sie, wohlgemerkt sicherlich unbewußt, etwas gutmachen: am Vorabend hatten die Tschechinnen, deren Erste Vera Caslawska ist, mit 38/1000 den großen Mannschaftskampf gegen die Russinnen gewonnen, und es gab da Stimmen, die meinten, daß die Abendstunde, in der die Tschechinnen als Letzte der großen Rivalen angetreten waren, die Richterinnen etwas milder als vorher, als die Russinnen ihren Kampf bestritten hatten, gestimmt waren.

Die große Siegerin des letzten Tages hieß also nicht Vera, sie hieß Natalie. Sie, die Zweite im Achtkampf hinter Vera, verließ Dortmund mit den meisten Weltmeisterschaftstiteln. Sie hatte auch die Herzen gewonnen mit ihrer Jugend – sie noch nicht ganz siebzehn –, mit ihrer Frische und damit, daß man ihr die Freude so sehr ansah. Ihr Einstand im großen internationalen Turnen war denn auch wirklich der glanzvollste, den man je sah. Und den Russinnen – in schwächerer Form aber auch den Russen – ist etwas geglückt, was man noch vor gar nicht langer Zeit nicht für möglich gehalten hätte: sie, die so lange Zeit hindurch die Entwicklung dadurch etwas aufgehalten haben, daß sie das Neue, den Schwung, damit auch das Risiko mieden und auf der Basis ihrer großen Kraftreserven mittelschwere Übungen mit letzter Perfektion brachten, sie sind in Dortmund mit ihren glänzenden jungen Kräften am weitesten in Neuland vorgestoßen. Woronin, der 21jährige Student aus Moskau war der erfolgreichste Turner dieser Weltmeisterschaften, ein Ausnahmetalent, selbst in diesem Kreise der Besten der Welt.

Und die Japaner? Sie haben den Mannschaftskampf, das große nun schon seit einem vollen Jahrzehnt andauernde Duell mit den Russen in Dortmund mit einem Vorsprung gewonnen, den ihnen niemand zugetraut hatte. Aus den 2.50 Punkten von den Olympischen Spielen von 1964 in ihrer Heimat sind jetzt, so weit von ihr entfernt, 4.25 Punkte geworden, ehrlich verdiente. Vor allem im Sprung über das Pferd und im Bodenturnen waren sie den Russen klar überlegen, die an den „klassischen“ Geräten, Barren und Reck, trotz teilweise phantastischer Leistungen der Japaner, ebenbürtig waren. Dabei fehlte in Viktor Lisitzki in der sowjetischen Mannschaft einer der besten und vor allem einer der sichersten Turner durch Verletzung. Das Duell wird weitergehen, entschieden worden ist es sicherlich auch hier nur vorübergehend.

Sehr gut gehalten hat sich bei den Männern wie bei den Frauen die Mannschaft des Deutschen Turnverbands, also die Männer und Frauen aus Leipzig, Potsdam und Ostberlin. Sie wurden bei den Männern Dritte, bei den Frauen Vierte. Sie haben den Anschluß an die Besten der Welt hergestellt, der bei den Turnern und Turnerinnen der Bundesrepublik doch noch immerhin weiter Ferne liegt. Trotzdem haben sie besser abgeschnitten, als man nach den schwachen Leistungen der letzten sechs Jahre erwarten mußte. Sie haben sich stark verbessert – aus dem 16. Platz von Prag wurde beispielsweise bei den Männern diesmal der achte, und die Frauen und Mädchen endeten auf dem zehnten Platz. Aber sie selbst wissen, wieviel Arbeit noch zu tun ist, wenn man weiter nach vorn kommen will. Ohne zentrale Schulung wird es nicht gehen, ohne tägliche Arbeit an den Geräten – und an der Kondition! Wir brauchen Buben und Mädchen, die bereit sind, für ihren sportlichen Weg – denn Leistungsturnen ist ja ein Sport wie jeder andere auch, – Opfer zu bringen. Handelt man so entschlossen, dann wird es auch wieder aufwärts gehen.