Eine unumgängliche Frage

Von Kurt Becker

Vor dem Verteidigungsminister türmt sich ein Gebirge von Problemen auf. Die Überwindung der Führungskrise und all der vielen Unzulänglichkeiten der inneren Verfassung wie der inneren Organisation der Bundeswehr ist noch das geringste. Die wichtigste Frage ist bisher noch gar nicht aufgeworfen: Haben wir eigentlich die richtige Bundeswehr?

Was wir haben, soll nicht nur teuer, es soll auch gut sein. Doch darüber, ob das, was wir haben, auch in den nächsten Jahren noch das Angemessene ist – darüber wird geschwiegen. Die Frage nach der Struktur der Bundeswehr ist auch in der Parlamentsdebatte in der vorigen Woche nur flüchtig gestreift worden. Und solange der politische und militärische Auftrag der Armee nicht präzise formuliert werden kann, weil im westlichen Bündnis vieles ins Wanken geraten ist, hängt die ganze Zukunft der Bundeswehr in der Luft. Alles kommt auf die Entwicklung in der NATO an, auf ihre Strategie, auf die Einschätzung der Gefahren, die der Allianz von außen drohen und auf den weiteren Verlauf der Entspannungspolitik.

Die Verbündeten haben sich in ihrer Umorientierung schon viel weiter vorgewagt als die Bundesregierung. Jede Regierung folgt ihren eigenen Interessen, das Bündnisinteresse verschwimmt immer mehr. Frankreich ist aus der NATO-Organisation ausgetreten und baut die Wehrpflicht langsam ab; England möchte einen beträchtlichen Teil seiner Rheinarmee abziehen, es hat den Übergang zur Berufsarmee längst vollendet; die USA werden nach 1970 einige ihrer sechs Divisionen in Deutschland wieder nach Amerika einschiffen wollen. Und jetzt will auch Belgien seine beiden zwischen Köln und Aachen stationierten Divisionen – 38 000 Soldaten – auf die Hälfte zusammenstreichen. Die Wehrpflicht wird zurückgeschraubt, der Feldarmee sollen nur noch Berufssoldaten angehören.

Wir jedoch? In Verteidigungsfragen agieren und reagieren wir primär noch immer rein außenpolitisch. Im Innern sind wir augenblicklich damit ausgelastet, die Bundeswehr in Ordnung zu bringen; darüber denken wir ungern hinaus. Aber langfristig stellen sich ganz andere Probleme. Brauchen wir 500 000 Soldaten? Brauchen wir zwölf Divisionen? Brauchen wir die Wehrpflicht?

Wer – wie wir – diese Frage für heute bejaht, der muß nicht zum gleichen Ergebnis kommen, wenn er nach den richtigen Antworten für das Jahr 1970 sucht. Gewiß, wer jetzt am Grundsatz der Wehrpflicht rütteln wollte, daran auch, wie sie gehandhabt wird, der würde der Bundeswehr einen fast tödlichen Schlag versetzen. Aber die Stärke der Armee und die Wehrpflicht sind keine unumstößliche Doktrin.