Die deutsche Kernforschung hatte in den letzten Jahren ansehnliche Fortschritte zu verzeichnen. Bei den Bemühungen, die Energie der Zukunft zu meistern, lag die deutsche Forschung 1956 noch um mindestens zehn Jahre hinter den USA, aber auch hinter England und der Sowjetunion zurück. Heute ist auf vielen Gebieten schon ein Gleichstand erreicht worden. Besondere Bedeutung hat dabei die Entwicklung der sogenannten Schnellen Brüter.

Schnelle Brüter sind die Reaktoren der Zukunft. Nur sie ermöglichen eine optimale Ausnutzung der nuklearen Energievorräte und garantieren in Zukunft eine ausreichende Energieversorgung. Allerdings müssen bis zu ihrem industriellen Einsatz noch umfangreiche und kostspielige Entwicklungsprogramme durchgeführt werden. Aber ihre Vorteile rechtfertigen diese Aufwendungen. Daher arbeitet man nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in der UdSSR, Großbritannien, den USA und Frankreich mit Hochdruck an ihrer Verwirklichung. Man rechnet damit, daß etwa 1980 Schnelle Brüter schon in nennenswertem Umfang an der Stromerzeugung beteiligt sein werden.

Gegenüber den bisher entwickelten Reaktoren zeichnen sich die Schnellen Brüter besonders durch zwei Vorteile aus. Einmal produzieren sie während des Betriebes mehr spaltbares Material, als sie für die gleichzeitige Elektrizitätserzeugung benötigen. Die bisherigen Reaktoren „verbrennen“ nämlich ausschließlich das Uran-Isotop U-235, das im natürlichen Uran jedoch nur zu 0,7 Prozent enthalten ist. In den Schnellen Brütern hingegen wird das etwa einhundertvierzigmal häufiger vorkommende, nichtspaltbare Uran-Isotop U 238 durch schnelle Neutronen in spaltbares Plutonium verwandelt. Dieses Plutonium kann dann seinerseits als Brennstoff wieder in Reaktoren, eingesetzt werden. Die Uranvorräte der Welt werden damit praktisch unbegrenzt groß. Das bedeutet für die Bundesrepublik, daß der Import von angereichertem Uran aus dem Ausland stark reduziert und schließlich vielleicht ganz unterbleiben kann.

Die Schnellen Brüter haben darüber hinaus noch den Vorteil, daß ihre Brennstoffkosten um etwa 0,4 Pfennig je Kilowattstunde unter denen eines Leichtwasserreaktors liegen. Das bedeutet, daß bei einem Brüter-Kernkraftwerk mit einer elektrischen Leistung von 1000 Megawatt während einer 20jährigen Betriebszeit und einer durchschnittlichen Auslastung von 80 Prozent etwa 560 Millionen Mark gegenüber dem herkömmlichen Reaktor eingespart werden können.

Seit dem Jahre 1960 ist das Projekt „Schneller Brüter“ die zentrale Aufgabe des Kernforschungszentrums Karlsruhe. An ihm sind unmittelbar etwa 380 Personen aus elf Instituten und Abteilungen beteiligt. Das Forschungszentrum ist Euratom assoziiert und arbeitet eng mit belgischen und niederländischen Instituten zusammen.

Für die konsequente Durchführung des von der Deutschen Atomkommission empfohlenen Brüter-Programms müssen in den kommenden Jahren von der öffentlichen Hand beträchtliche finanzielle Mittel bereitgestellt werden. Für das Basisprogramm der Jahre 1960 bis 1967 sind 250 Millionen Mark und für das der Jahre von 1968 bis 1972 weitere 170 Millionen Mark erforderlich, so daß das Basisprogramm insgesamt 420 Millionen Mark – ungleichmäßig verteilt über 12 Jahre – an staatlichen Mitteln erfordert. Davon trägt Euratom bis 1967 allein 40 Prozent der Kosten; nach 1967 wird es vermutlich den gleichen Anteil übernehmen. Angesichts der großen Aussichten der Schnellen Brüter scheint diese wissenschaftliche Investition durchaus angemessen. Konrad Müller