Draußen quirlt hupender, johlender, sizilianischer Verkehr, dessen Geräusche selbst geschlossene Teppichportieren und Staffeln von immergrünen Topfpflanzen nicht zu dämpfen vermögen. Drinnen tönen ohne Unterlaß die Lautsprecher. Die annähernd zweihundert Delegierten aus allen Erdteilen, die mit müden Gesichtern und pflichtbewußt gespitzten Ohren in den Stühlen hängen, haben abgeschaltet. Sie hören in Palermo eine Woche lang täglich acht bis zehn Stunden Hörspiele, Stereo wie Mono. Dann und wann begeben sie sich hinaus.

Vieles geht im Palazzo Gangi unter in den Rätseln der fremden Akustik, der man trotz zweisprachig-synoptischer Texte nicht immer zu folgen vermag. Nuancen werden, durch äußeres und inneres Dröhnen ertränkt. Die Mitglieder der Jury, die sich mit dreißig Mono- und sieben Stereoproduktionen auseinanderzusetzen haben, sind höchstens deshalb zu beneiden, weil ihr eigenes Land am Wettbewerb nicht teilnimmt.

Unter solchen Umständen sind dramaturgische Gesichtspunkte so gut wie außer Kurs gesetzt. Formale Brillanz löst sich in heiße Luft auf. Subtile und pausenreiche Beiträge wie der von Fritz Schröder-Jahn – er hatte mit viel Musik und nördlich-kühler Lyrik Lotte Ingrischs Märchen „Eine leidenschaftliche Verwechslung“ inszeniert – wurden in elfter Stunde als schlicht langweilig abgetan.

Die weitaus meisten Einreichungen waren denn auch mit deutlichem Schielen auf die Vorjahresergebnisse konzipiert. Südafrika reichte ein Stück ein, bei dessen Anhören man das berühmte „Nokhwezi“ vom nächtlichen Fröschequaken bis zum Zauberer-Gemurmel wortwörtlich und lautläutlich wiederzuerkennen meinte. Und da mit Japans „Yamamba – die Berghexe“ ebenfalls schon einmal ein folkloristisches Spiel den Preis ergattert hatte, trugen heuer ein gutes Drittel der Hörspiele Folklore-Züge. Aus Ungarn und Jugoslawien kamen nicht etwa Überraschungen, sondern biederster Hans Sachs.

Mit dieser Tendenz teilweise sich überschneidend, behandelten fast drei Viertel das universale und unverfängliche, des teilnahmsvollen Mitleids stets sichere Thema der menschlichen Einsamkeit. Es muß human zugehen. Der human touch, ja sogar Humanismus als wehmütig erinnertes Bildungsrelikt sind das angestrebte Ziel, zugleich darf es aber der existentiellen Härte nicht entbehren. Spengler und Kierkegaard, wo nicht gar Strindberg, feierten – meist triste – Urständ.

Ist das Hörspiel am Ende? Beileibe nicht! Hinter vorgehaltener Hand berichteten die Delegierten von ihren eigentlichen „Schätzen“, und aus Erfahrung weiß jeder, der mit Hörspieldramaturgie befaßt ist, daß hier nicht übertrieben wird. Wahrhaft komplizierte, Anstoß erregende, Kritik herausfordernde Stücke vor allem der jüngeren Autoren, die unvermindert für den Rundfunk schreiben, weil sie hier intellektuelle Ansprüche stellen dürfen – sie bleiben zu Hause, und das eigentlich schon Bekannte, literarisch Bewährte kommt auf den Preis-Teller.

Während die Texte harmlos bleiben, feiert die Technik Triumphe. Die Neuseeländer fingen unter schwierigsten Umständen die Geräusche der Antarktis ein und verstanden es darüberhinaus, ihre Eis- und Sonnenklänge überzeugend in den dramatischen Ablauf ihres Stückes einzubeziehen. Die Franzosen lieferten ein Opus von achtzig Minuten Länge, dessen Hi-Fi-Qualitäten andere Einreichungen zu stümperhaften Amateurwerken degradierten. Die Japaner experimentierten im Bereich des Stereo-Hörspiels mit abstrakten Geräuschen verzwicktester Art und lieferten so einen wertvollen Beitrag zur bisher ungeschriebenen Stereo-Dramaturgie.