Er sei nicht sicher, ob der Kapitalismus einen erneuten Zusammenbruch der internationalen Währungsordnung überleben würde. Wahrscheinlich würde ein solches Ereignis uns alle im Dirigismus, ja im Kollektivismus versinken lassen. Diese Befürchtung sprach der Präsident der Deutschen Bundesbank, Karl Blessing, vor dem National Industrial Conference Board in New York am Vorabend der Jahrestagung der Institute von Bretton Woods – so genannt nach ihrem Gründungsort im Jahre 1946 – in Washington aus. Unter Kapitalismus wollte Blessing dabei die Wirtschaftsordnung verstanden wissen, die vor allem auf freiem Eigentum, freiem Wettbewerb und freier Unternehmerinitiative beruht.

Blessing, jeder persönlichen Eitelkeit abhold, gehört gewiß nicht zu den professionellen Schwarzsehern, die aus welchen Gründen auch immer eine neue Weltwirtschaftskrise à la 1931/32 auf uns zukommen sehen. Er hat aber guten Grund, eine deutliche Warnung an alle diejenigen auszusprechen, die unbekümmert um die internationale Währungsordnung über ihre Verhältnisse leben und dabei für den Ernstfall auf die internationale Solidarität hoffen. Daß Karl Blessing in New York mit diesem Nachdruck und in aller Deutlichkeit den Finger auf die Wunde gelegt hat, obwohl er doch allein in der Bundesrepublik ein gerüttelt Maß von Sorgen und Problemen auf seinem Schreibtisch liegen hat, kommt nicht von ungefähr.

Im vergangenen Jahr hatte es der Internationale Währungsfonds (IMF) nur mit Mühe verhindern können, daß die konträren Standpunkte in Washington in aller Öffentlichkeit und Schärfe aufeinanderprallten. Ein Klub der zehn wichtigsten Industrieländer der westlichen Welt wurde beauftragt, die Situation und die Möglichkeiten für eine Reform des internationalen Währungssystems zu prüfen. Erleichtert gestand der damalige französische Finanzminister Giscard d’Estaing: „Die Gladiatoren haben nicht aufeinander losgeschlagen.“ Ob die Schwerter auch in diesem Jahr auf der am Montag begonnenen Jahrestagung in der Scheide bleiben werden, ist noch ungewiß. Denn die Probleme sind seit dem Herbst des vergangenen Jahres nicht nur ungelöst geblieben, sie haben sich sogar in mancher Hinsicht noch verschärft.

Es geht im wesentlichen um die internationale Liquidität, das heißt um die Währungsreserven der einzelnen Länder, die für die Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen Wachstums, für die Finanzierung und damit die Ausdehnung des freien Welthandels, kurz für die Förderung des Wohlstandes notwendig sind. Sie können einmal aus Gold, zum anderen aus Dollar oder Pfund bestehen. Die Goldmenge, die als Reserve benutzt werden kann, hängt von der Goldproduktion ab, die sich um die privaten Goldkäufe vermindert. Im vergangenen Jahr floß lediglich Gold für 250 Millionen Dollar in die offiziellen Währungsreserven der westlichen Welt gegen 750 beziehungsweise 840 Millionen Dollar in den beiden Vorjahren, weil einmal der industrielle Goldverbrauch, zum anderen die private Goldhortung stark zunahm.

In den vergangenen 20 Jahren seit der Gründung der Institute von Bretton Woods und des heutigen internationalen Währungssystems sind die Währungsreserven der westlichen Welt daneben vorwiegend durch den Gold- und Dollarabfluß der wichtigsten Leitwährung, des Dollars, gespeist worden. In den letzten sechs Jahren stammten nicht weniger als zwei Drittel der Zunahme der Währungsreserven in den Mitgliedsländern von Bretton Woods aus dem Zahlungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten. Der amerikanische Goldbestand hat sich von seinem Höchststand im Jahre 1949 von 24,6 Milliarden Dollar auf 13,5 Milliarden Dollar Mitte dieses Jahres verringert. Es läßt sich also an zwei Fingern ausrechnen, wann diese Quelle versiegen muß, sollen die USA nicht bankrott gehet oder –was zumindest psychologisch fast dasselbe bedeuten würde – der Dollar als wichtigste Währung der Welt abgewertet werden.

Auf der Suche nach einer Lösung haben sich unter den Mitgliedern des heutigen Weltwährungssystems zumindest drei Gruppierungen ergeben. Da sind einmal die Entwicklungsländer, die eine künstliche Vermehrung der Liquidität dankbar begrüßen würden, weil sie ihnen eine Fortsetzung ihrer laxen Schuldenmacherei erleichtern würde. Immerhin können sie mit Recht darauf verweisen, daß ihr Bruttosozialprodukt im Durchschnitt nur um zwei Prozent jährlich steigt, während das der Industrienationen gleichzeitig um vier Prozent zunimmt. Im übrigen ist die Entwicklungshilfe nicht mehr gewachsen, seit der Wettlauf zwischen Ost und West erheblich nachgelassen hat.

Die zweite Gruppe bilden die USA und Großbritannien, die ebenfalls, wenn auch aus anderen Gründen, für eine neue Reservewährung eintreten. Großbritannien verspricht sich davon eine Atempause für das seit vielen Monaten unter schwerem Druck stehende Pfund Sterling, das Zeit fände für eine gründliche Erholung. Die USA möchten sich gern wenigstens teilweise von der Verantwortung befreien, allein für die Leitwährung geradestehen zu müssen. Ihre vielfältigen Verpflichtungen in aller Welt, einschließlich des unglücklichen Vietnam-Krieges, und die Sorgen im eigenen Land lassen den Wunsch verständlich erscheinen, daß die Last der Verantwortung auf den Schultern des Dollars ein wenig erleichtert wird.