Von Paul Laven

Torwächter werden oft alt“, knurrte der Heiner, weißköpfig, aber von scheinbar ungebrochener Knorrigkeit, als ich ihn kurz vor seinem Siebzigsten traf. „Net daß wir länger leben. I mein in der Mannschaft bleiben die Guten lange – wenn sie richtig Fuß g’faßt haben und dann ‚stehn‘ können. Wenigstens zu meiner Zeit war das noch öfter der Fall als heut’.“

Wenn man mit dem erzählfreudigen Mann sprach, wurde der junge, auch der schon über die 30 hinausgewachsene Stuhlfauth vor dem Auge der Erinnerung lebendig. War der jetzt von uns Gegangene, der beste deutsche Torwart? Der berühmteste, populärste jedenfalls. Es war eine Zeit, in der robustere Einfachheit im Sport vorherrschte, die seiner Epoche, in der er so lange seinen Platz behauptete. „Des is des richtige Wort“, bestätigte der Heiner. 6‚Simpler und härter ging’s zu. Bei uns Torleuten vor allem und das ‚Stehvermögen‘ war’s, das die einzelne, die lang andauernde Leistung heraushob. Denn du bist ja ganz allein in dem Kasten, stehst und fällst und niemand kann dir beistehn. Der liebe Gott hilft dir auch da auf die Dauer nur, wenn du in jeder Beziehung ordentlich beieinander bist.“ – War’s das, Heiner, vorum sie ihn bis heut’ besangen, so viel von ihm trompeteten?

Wir gingen wieder einmal seine Laufbahn, die lange zwei Jahrzehnte andauerte, durch. Als er vom „Pfeil“ in Nürnberg zum „Club“ wechselte, ja, da begann’s. „Beim Club bin i dann Hieben. Der wurd’ über den Fußball hinaus meine Heimat. Weißt, man muß als Spieler seßhaft werd’n, als Torwart vor allem. Nur dann kannst du, wenn du es in dir hast, lange stehn. I hob nie was von dem Schmus, von den ‚magisch greifenden Händen‘ gehalten, von dem, was manchen, der da im Tor hin und her fliegt, so kitzelt. Für mi wor des nix.. Auch die schöne’ Spruch von der Torwächterzauberei, die von manchem wie von dem großen Frank Swift, dem Engländer, der so viele Elfmeter halten hot, halten haben soll, erzählt wurde. Jo mei, Elfmeter g’holten hob i auch. Aber weißt, alles wos nach g’machter Windbeutelei roch, des hob i haßt. Nix gegen Holligen, gegen Mainer, die da ins Viereck auf ihre Weis’ geb’n hoben wie i es versucht hob. – Meinem Club bin i treu blieben, fünfmal die Meisterschaft mit ihm erstritten, dann bei 21 Länderspielen angetreten. I hob Schüsse von den bekanntesten ‚Bombern‘ meiner 2eit geholt’n. Die von dem berühmten Alcantore aus Madrid waren mit die schlimmsten. Aber wer kennt den schon noch? Jo, jo, i hab auch welche durchlassen müssen. Insgesamt net zu knapp. Aber mei Frau, die Liesel, hot dann immer g’sagt: ‚Heiner, wor Pech. Nächstes Mol hast wieder Glück.‘ Un i bin jo net allein der Tormann mit Erfolg und Verdienst, andere wor’n vor, nach mir do. Do woren dann der Kreß, der Jakob, halt, daß i den vor allem net vergeß, den Lohrmann von Fürth. Ob der g’standen’ is. Dann kommen der Herkenrath, der Turek, der Tilkowski und andere noch. I weiß net recht, warum s’ von mir net aufhören zu reden. Wenn’s lang zurückliegt, wird’s leicht ein wenig goldener. Aber weil i meinem Club treu war, kein Wandervogel fürs Geld worden und lange über die Dreißig hinaus noch g’standen bin, aber doch net unfair gwesen bin, deshalb hoben mi die Alten wenigstens noch im Gedächtnis. Aber ‚Kränze‘, richtig schöne Kränze tun sie dir erseht aufs Grab legen. Im Nachruf bist’ dann erseht wirklich einer.

Frog net so dumm, wen i für den besten Tormann der Welt halt. Wer kann des schon sag’n. Eo wird doch viel Schmus in der Propaganda gemacht. Viele sag’n der Russe Jaschin, auch er ein lange bewährter ‚Steher‘ ragt besonders heraus. Imponiert hob’n mir alle die großen Kollegen, von den früheren, alten der Tscheche do, der Frantisek Planica. Den hoben s’ die ‚Katze von Prag‘ genannt. Der mocht’ a nix daher. Der roch, wo der Ball hinsausen würd’. Der hob die Bein’ erseht, wenn’s ans Fliegen in die Ecken ging. Und wie der flog, zielrichtig und verläßlich und ohne Makulatur. I hob jo viel mehr die Füß braucht. Du weißt’s jo. I könnt mi a Herfen. Aber meine Füß, auf die wor, neben dene Händ’, auch die Fäust, besonderer Verlaß. Un dann wor jo der große Zamora do, der Spanier mit der weißen Mütz’ und in dem schwarzen Trikot. Hui, wo des a eleganter. Der hot alles g’sehen. A ‚Magier‘ soll er gewes’n sein, einer mit dem sechsten Sinn wie der Combi, der Italiener, wie der fesche Rudi, der Hiden aus Österreich, auch Zeman, sein Landsmann, von dem eine Zeitlang so viel die Red’ wor, weil der im ‚Traumzustand‘ g’wesen sein soll, wenn er ambesten wor. I hob do von aller Träumerei nix g’holten. Wenn du do allein stehst und sie schiassen, drängen, knüppeln di, dann muaßt’ alle Sinn beieinander hob’n. Dann mußt stehn, mußt di wehren und hart mußt sein. Beulen und Bluat darfst net scheun. Un wenn die andern wos abkriegt hob’n, mein Gott, ’s ging oft bös zue. Aber die Grenze, die muß dir immer klar sein. Im ganzen G’müt, wenn i so sog’n darf. A Raufbold, dem schrein s’ wohl beifällig zu, aber richtig achten tuns den net. Die Fußballeut, die sie die ‚Masse‘ nennen, hoben a fein’s Gefühl. Wenn’s auch 110 so fürchterlich zuging, der Gegner wor immer der, wenn auch zu bekämpfende, Sportkamerad. Weißt, Leut’ wie wir hoben noch die Torstangen selbst trogen und eingestampft. Wir hoben noch unser Taschengeld sammelt, um einen Ball zu kaufen.

Wir alten Kameraden vom 1. FC Nürnberg, die Buab’n und Männer, hotten die gleiche Liebe zu unserem Sport. Der Bumbas Schmidt und der Popp, der Träg, der Karla Riegel und der Sutor, der Böß, der Schmitt un die anderen all, die so fein spielen konnt’n. Aber lossen wir das. Die wor’n im Rudel vorne, fuchtig und hart. Spül’n hob’n s’ kenna, weiß Gott. Die liefen und schossen, die wor’n immer in Bewegung. Aber i mußt allein in dem Kasten steh’n und steh’n, und i denk, i hob’s anständig macht. Des – is im Grund mei G’schicht.“

Ja ja, Heiner, alter harter, treuer „Steher“ im Tor. Oft habe ich dich gesehen. Aber jenes eine Spiel, von dem sie dir den hochtönenden Namen „der Held von Turin“ gaben, Ende Mai 1929, beim einzigen Sieg in Italien über die Azzuri, es war wohl doch dein größter, weil du da „gestanden“ bist wie nie.