Hohe Auflagen und Bestseller-Ehren sind in unseren Tagen durchaus nicht nur der Prominenz vorbehalten. Als Churchills Leibarzt, Picassos Lebensgefährtin, Kennedys Sekretärin kann man mit einem so intensiven Publikumsinteresse rechnen, daß es unverzeihlich dumm wäre, dieses nicht in bare Münze umzusetzen.

Den neuesten und zur Zeit spektakulärsten dieser Bestseller aus zweiter Hand stellte in Frankfurt der Piper-Verlag vor: „Papa Hemingway“ von A. E. Hotchner. 50 000 Exemplare riskierte der Verlag in der Erstauflage, und Hotchner, ein Mann, von dem die Welt bis zu diesem Buch noch nie etwas gehört hatte, signierte auf dem Piper-Empfang so routiniert Exemplare, als sei er selber der Verfasser der „49 stories“.

Das Leben Ernest Hemingways ist nicht erst interessant seit dem Tage seines Todes, jenem 2. Juli 1961, an dem, wie seine Frau Mary sagt, er sich beim Reinigen eines Jagdgewehres tödlich verletzte – an jenem Tag, an dem, wie Hemingways Freund Hotchner korrigierte, er sich erschoß. Aber durch diesen Tod wurde die Identität von Werk und Leben so stark, Hemingways Biographie so sehr austauschbar mit einem typischen Hemingway-Roman, daß ein Leserinteresse daran legitim ist.

Hotchner hat diese Lage begriffen und gehandelt. Sein Buch ist zwar keine umfassende Biographie, aber was hier an Zeit fehlt, ist durch Details wettgemacht: Aus den vierzehn Jahren seiner Freundschaft mit Hemingway ist kein Gespräch und kein Drink ausgelassen worden. Das alles ist frisch und einfach, trotz der versuchten Routine gelegentlich sogar etwas ungeschickt geschrieben, es gibt keine Analysen, die einem hier präsentiert werden, aber viele Einsichten und Erklärungen, die man sich mit Hilfe dieses Materials selber zusammenbasteln kann.

Zur Sensation wurde das Buch durch den Start, den Mary Hemingway ihm verschaffte, indem sie sein Erscheinen auf jede nur mögliche Weise zu verhindern suchte. Ihre Argumentation ,ein Schriftsteller gehört nicht der Öffentlichkeit, nur seine Werke“ konnte jedoch kein Gericht zum Eingreifen veranlassen.

Kaum war das Buch erschienen, da versuchte man Hotchner nachzuweisen, daß er es mit der Wahrheit oft wenig genau nehme, und Philip Young schrieb in der August-Nummer des „Atlantic Monthly“, daß Hotchner ganze Passagen aus alten Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln gestohlen habe.

Hotchner, schmal, agil, braungebrannt, hatte in Frankfurt die Antwort auf Fragen möglicher Philip-Young-Leser parat. Er läßt den schmelzenden Eiswürfel im Whiskyglas kreisen und berichtet lässig, daß die Sätze, die er zum Beispiel Marlene Dietrich gestohlen haben soll, auf eine besonders intensive Weise von ihm selber stammen: er habe, auf Bitten der Dietrich, den unter ihrem Namen 1955 erschienenen Hemingway-Artikel geschrieben. Und das nun freilich ist eine Information, die als Lüge denn doch zu dreist wäre und die man daher als einen im besten Hemingway-Stil angebrachten Kinnhaken betrachten muß.

Das Party-Gewoge ist nicht ganz der rechte Hintergrund, um alle Anti-Hotchner-Argumente wirklich durchgehen zu können, aber eines ist sicher: im Augenblick steht die Partie 2:1 für Hotchner; und für Young, der, wie der Zufall so spielt, auch gerade ein Buch über Hemingway herausgebracht hat, wird allenfalls ein kleinerer Posten Werbewirkung abfallen.