Von Manfred Sack

Andernorts hätte man es als eine Zumutung empfunden, als eine bare Unhöflichkeit, wahrscheinlich sogar als ein ausgeprägtes Beispiel von Hochmut: läßt man Leute, die geladen sind, anderthalb Stunden lang warten?

Es war ganz anders, nicht nur, weil man Verständnis dafür hatte, daß den "nicht mehr ganz jungen" Meister die Reise ermüdet hatte: Es war ja doch die Hoffnung, über die Folgen eines Unglücks zu einem großen Glück zu kommen, und da es sich bei den von der Firma herbeigerufenen Gästen um eine Handvoll Zeitungs- und Fernsehleute handelte, war sogar die Hoffnung auf das legitim, was man eine Sensation zu nennen pflegte.

Es reichte dann nur zu einem kleinen Glück, immerhin: zu einem Glück. In einem Satz: Wir haben Artur Rubinstein im Rondenhag 10, in Stellingen, in Hamburg, in Deutschland spielen gehört.

Allerdings: Das Spiel trug sich nicht in einem Konzertsaal zu, sondern in einem sozusagen exterritorialen Fabrik-Lagerraum. Es war auch kein Konzert, sondern eine Probe, die Probe auf die Qualität guten deutschen Handwerks, hochgehalten von einer amerikanischen Klavierfabrik mit Namen Steinway & Sons. Rubinstein spielte, mit Vorsatz, Stücke nur stückchenweise. Es schien, als zerschlüge er kostbare Gegenstände ein bißchen, damit sich ihr Wert mindere: Es sollte keinem einfallen, damit zu handeln. Er spielte für niemanden als für sich selber und auch nur, weil es kein anderes Mittel zum Zweck gab, nämlich zu prüfen, wie sein Flügel wiederhergestellt worden ist.

Das war das Unglück gewesen: der schwarze Konzertflügel, den ihm die Mitglieder des Israel Philharmonie Orchestra 1964 "als Zeichen der Bewunderung für seine einzigartige Kunst und in Würdigung seines hervorragenden Edelmutes" geschenkt hatten, war beim Transport in den USA beschädigt worden: die Klaviatur, der gußeiserne Rahmen und ein bißchen mehr waren entzweigegangen. Der Meister unterbrach die Flugreise von Warschau nach Paris in Hamburg, um die Reparatur zu begutachten.

Dies, kein bißchen mehr. "Bitte, meine Herrschaften", hatte Exportleiter Dr. Stephan Vertes noch inständig gebeten, "bitte stellen Sie Herrn Rubinstein nicht die berühmte Frage!" Sonst, so habe der Künstler angedeutet, sei er imstande, die Interviews sofort abzubrechen. Nein, niemand fragte, um die "berühmte Antwort" zu erhalten: ich werde niemals wieder in Deutschland spielen. Er blieb sich treu. Als er auf dem Flügel das beinahe zärtlich in Schaumgummi gehüllte Mikrophon sah, das seine Worte festhalten sollte, wich er ein paar Millimeter zurück, wiegte den Kopf, so, als tue es ihm leid, jetzt jemandem wehtun zu müssen, und sagte leise und langsam: "Das möchte ich nicht – das ist eine sehr intime Frage..."