Mit einer überraschenden Transaktion will sich die in Zürich beheimatete Schweizerische Bankgesellschaft in die Spitzengruppe der großen Banken der westlichen Welt hineinmanövrieren. Gelingt ihr die Übernahme der Interhandel, deren Aktionären sie einen Aktienumtausch im Verhältnis zwei zu eins gegen Aktien der Bankgesellschaft angeboten hat, so würde sie zum dritt- oder viertgrößten Universalinstitut Europas werden und so bedeutende Kreditinstitute wie die drei deutschen Großbanken ein wenig hinter sich lassen. Ihre Konkurrenten auf dem Schweizer Markt, den Schweizerischen Bankverein in Basel und die Schweizerische Kreditanstalt in Zürich, würde sie weit überflügeln.

Das Umtauschangebot kam völlig überraschend, auch wenn die Schweizerische Bankgesellschaft bisher schon der größte Aktionär der Interhandel war. Schon bei den Bemühungen um die Freigabe der in Amerika als deutsches Eigentum beschlagnahmten Vermögenswerte der Interhandel haben die beiden Gesellschaften in der Vergangenheit eng zusammengearbeitet. Bekanntlich ist die Interhandel eine Gründung der IG-Farben-Industrie AG zur Verwaltung ausländischer Töchter und Beteiligungen gewesen. Nach der Freigabe eines Teils des Verkaufserlöses der General Anilin and Film Corporation hatte die Schweizerische Bankgesellschaft interemistisch die Geschäftsleitung der Interhandel übernommen.

Die Übernahme der Interhandel wird in zwei Stufen erfolgen. Durch den Umtausch der Interhandel- in Bankgesellschafts-Aktien, für den das Aktienkapital des Kreditinstituts um 70 Millionen sfrs aufgestockt werden soll, wird die Bankgesellschaft die Majorität der Interhandel in die Hand bekommen. Voraussetzung ist allerdings, daß mindestens 70 Prozent des Interhandel-Kapitals in den Besitz der Bankgesellschaft kommen. Zu einem späteren Zeitpunkt, voraussichtlich in der ersten Hälfte des kommenden Jahres, soll schließlich die vollständige Fusion vollzogen werden, so daß die Interhandel vom Markt verschwinden würde. Dementsprechend wird die Bilanz der Bankgesellschaft erst Ende 1967 eine Größenordnung erreicht haben, die dieses Institut unter die großen Banken der Welt einreiht.

Von jeher wird die Bankgesellschaft als Hecht im Karpfenteich des schweizerischen Kreditgewerbes betrachtet. Das vor 54 Jahren aus der Fusion der Bank in Winterthur und der Toggenburger Bank hervorgegangene Institut machte schon 1945 mit der Übernahme der Eidgenössischen Bank Furore, die ihre Bilanzsumme mit einem Schlag um 350 Millionen sfrs ausdehnte. Das Institut ließ sich auch nicht von dem Protestgeschrei stören, das die um die mittelständische Struktur des Schweizer Kreditgewerbes besorgten Wirtschaftskreise anstimmten.

Unbekümmert stürzte sich die Bank mit Vehemenz in den Wettlauf um die größte Bilanzsumme, den sie manches Jahr gewann. Mit drei Hypothekarinstituten und einer Mehrheitsbeteiligung an der Luganeser Volksbank hat die Bankgesellschaft heute neben fast 100 Filialen weitere Wurzeln im ganzen Land. Unter ihren verschiedenen sonstigen Interessen stehen die Holding Thesaurus Continentale Effektengesellschaft, die mit der Frankfurter Metallgesellschaft AG über Kreuz verbundene AG für Metallwerte im Vordergrund. Zu ihren Interessen gehört auch die AG für Plantagen, die sich im vergangenen Jahr – nur ein Beispiel für das aggressive Management dieses Interessenkreises – auf eine gerichtliche Klage gegen die deutsche Kuponsteuer eingelassen hat. Auch auf dem Gebiet der Investmentfonds gehört das Institut zu den bahnbrechenden Gesellschaften. Unter ihren elf Fonds mit einem Buchwert von gut zwei Milliarden sfrs befinden sich der mit bald dreißig Jahren älteste und zugleich größte außeramerikanische Fond für amerikanische Aktien AMCA und der außer einem kleinen Berlin-Fond in Basel einzige Spezialfond für deutsche Aktien außerhalb der Bundesrepublik.

Manche Auguren wollen jetzt allerdings schon lange geahnt haben, daß zwischen der Schweizerischen Bankgesellschaft und der Interhandel etwas im Busche gewesen sei. Tatsächlich hörte man von Vermutungen munkeln, als Präsident Dr. Alfred Schaefer, der kürzlich vom Direktionsin das Verwaltungsratspräsidium überwechselte, seinerzeit den Kompromiß zwischen dem amerikanischen Justizministerium und der Interhandel über die Verwertung der General Aniline and Film Corp. (GAF) präsentierte.

Die Interhandel, ursprünglich als internationale Holding der deutschen Farbenindustrie AG gegründet, hatte die Rechte an der GAF geltend gemacht, die in den USA als Feindeigentum beschlagnahmt worden war. Obwohl die deutschen Liquidatoren der IG Farben ins amerikanische Horn stießen, blieben die Interhandel und alle übrigen Schweizer Kreise steif und fest bei der Behauptung, die Interhandel selbst und deren 95prozentige Beteiligungsgesellschaft GAF seien längst Schweizer Eigentum. Nach einem fünfzehnjährigen kostspieligen Prozeß, mit unendlicher Zähigkeit und Geduld zuletzt von Dr. Schaefer – mittlerweile Präsident auch der Interhandel – geführt, kam es 1963 endlich zu einem Kompromiß, dem 1965 der Verkauf der GAF-Aktien folgte. Von einem Erlös von knapp 330 Millionen Dollar erhielt die Interhandel 128,8 Millionen – zuwenig für die Kritiker, die die US-Regierung gemeine Räuber nannten, genug für diejenigen, die die delikate Verhandlungsposition der Interhandel kannten und befürchteten, mit weniger oder nichts zufrieden sein zu müssen.