1. Internationale Börse in Berlin

Der Tourismus als „Gegenwelt zur Arbeitswelt der Industriegesellschaft“ – er wird recht oft noch salopp behandelt, abgetan als Phänomen, das man nicht zu überdenken wagt. Der Kommerz wird statistisch erfaßt, man hört Zahlen und die Gigantomachie, die der Tourismus auslöst, wird zu einer Kapitalbewegung immer größeren Ausmaßes. Ökonomie und gesellschaftliche Hintergründe des Tourismus, Tatsachen und Vorstellungen behandelte die internationale Tagung „Neue Urlaubsziele in drei Kontinenten“, die in diesen Tagen vom ADB (Ausstellungsdienst Berlin) in der Kongreßhalle veranstaltet wurde.

35 Länder hatten Delegationen geschickt, fünf Minister für Tourismus aus Entwicklungsländern nahmen teil, aus der Bundesrepublik kamen nur die Vertreter der Reiseveranstalter und Reisebüros (leider zu zaghaft, der Berliner Kongreß war eine Novität, man wollte wohl erst einmal abwarten). Auch Luftfahrtgesellschaften waren vertreten. Was sich in Referat und Diskussion abspielte, war nichts anderes als ein erster Schritt zu einem Welt-Parlament des Tourismus: Noch nie wurden Informationen, Meinungen, Pläne so offen und passioniert vorgetragen, so „interkontinental“ in einer Atmosphäre der Toleranz behandelt. Denn im Tourismus stoßen sich die Interessen hart im Raum, der freilich immer größer wird. Wer seine Pläne und Ansichten auf den Tisch legt, wer seinen Konkurrenten Einsicht vermittelt in die nationale Küche des Fremdenverkehrs – der muß schon in Größenordnungen denken, die erhaben über Neid und Mißgunst sind.

Aber vielleicht ist es so, wie der Berater der UN für Tourismus, der Ceylonese S. N. Chib, meinte: „Tourismus könnte den historischen Prozeß beschleunigen, der die Kluft zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern zuschüttet. Eine neue Strategie verspricht er, durch die im letzten Drittel unseres Jahrhunderts der lange Weg zueinander radikal verkürzt wird.“

Über diese Strategie wurde sachlich verhandelt, ja, die Berliner Veranstalter riskierten sogar die „1. Internationale Börse des Tourismus“, zu der sich an zwei Nachmittagen die teilnehmenden Länder und deutsche Reiseveranstalter in der Kongreßhalle einfanden. Jedes Fremdenverkehrsland aus Afrika, Asien und Lateinamerika empfing an Tischen die Reiseveranstalter aus der Bundesrepublik, um erstmalig auf engstem Raum die ganze Palette des Ferntourismus vorzuweisen. Der Anblick dieser Börse war eigentümlich: Noch überwog das Angebot bei weitem die Nachfrage, aber es wurden Kontakte angeknüpft, Vereinbarungen getroffen. Man hatte viele fremde, faszinierende Touristenländer vor sich, deren Auskünfte und Bekanntschaften von den deutschen Reiseveranstaltern gesucht wurden. Lautsprecher sorgten für Kommunikationen: „Togo bietet an...“ Man weiß zwar, daß die großen deutschen Reiseunternehmer an Ort und Stelle zu verhandeln wissen, aber die Orientierung, die frühe Einweihung in neue Urlaubsziele war hier, auf dieser 1. Tourismus-Börse, einfach zu bekommen. Aus dem Kontaktgespräch wurde manchmal doch die Verabredung, auch wenn große Umsätze noch kaum bekannt wurden.

Die ganze Veranstaltung lief unter dem Thema „Partner des Fortschritts“, das ja auf der Deutschen Industrieausstellung zum fünften Male von sich reden macht. Diese Partnerschaft bei der touristischen Erschließung beruht auf Gleichberechtigung, worauf die Entwicklungsländer so viel Wert legen. Man konnte immer wieder erleben, wie stolz doch junge afrikanische Länder sind, wie ihre Minister und Tourismus-Experten in Diskussion und mit Referaten eine Haltung zeigten, die diese Partnerschaft betonte.

So hielt der Botschafter von Dahomé in Bonn ein faszinierendes Kurzreferat über Tropenmedizin, über das oft falsche Verhalten der Weißen in tropischen Ländern und wissenschaftliche Erkenntnisse, die beachtet werden sollten. Der Botschafter ist Arzt. Hier (und auch bei den anderen Referaten und Diskussionsbeiträgen, die sich durch ausgezeichnete Formulierungen und Kürze auszeichneten) wurde deutlich, wie wenig wir doch voneinander wissen und wie sehr das Phänomen Tourismus alte und falsche Vorstellungen abtragen könnte.