Von Ernst Stein

Klassiker und Epigonen – so handlich die beiden Begriffe für die Geschichtsschreibung sein mögen, sie sind mitschuldig an der Aushöhlung des literarischen Geschmacks, weil sie zu Respekt oder Geringschätzung verpflichten, wiewohl die kunsttheoretischen Voraussetzungen dafür längst außer Kurs sind. Eingekeilt zwischen Klassikern, die keinen Höhepunkt bedeuten, und Epigonen ohne Vorbilder, sucht sich das kritische Urteil unter den fadenscheinigen Definitionen zurecht.

Die Nachsassen Schillers und Heines waren freilich auf den ersten Blick zu erkennen, wie, Generationen später, die Ableger Rilkes und Kafkas; aber Goethe-Epigonen gab es nicht, weil sich nicht einmal der Faltenwurf glaubwürdig nachahmen läßt; und Hölderlin war sein eigener Epigone, schon vor der Umnachtung. Über ihn, über das Gedicht, das er jahrzehntelang immer von neuem schrieb und immer neu, ging der Weg auf dem klassischen Höhengrat nicht hinaus, aber wo er ihn nachführte, erreichte er einmal, zweimal einen Gipfel.

Nicht bei Stefan George, der auch von Hölderlin nur die Geste übernahm, die er ihm selber angedichtet hatte; wohl aber bei Georg Trakl, an dem sich die Hinfälligkeit des Begriffs Epigone erweist; und vielleicht bei seinem österreichischen Landsmann Josef Weinheber (1892 bis 1945). Bei einem Vielleicht wird es vorläufig wohl bleiben, solange die Korrelate des Epigonentums, Erbe und Bewahrung, im Werte sinken; und die Zeiten sind ihnen gram.

Josef Weinheber war ein großer Lyriker und ein großer Schlemihl – eins durchs andere. In erniedrigendem Ringen um Anerkennung, zwanzig Jahre lang, wuchs er künstlerisch zu einer Größe, der sein menschlicher Habitus nicht nachkam, und als ihn über Nacht der Ruhm antrat – bald nach 1933 –, ging der Mensch an dem zweischneidigen Erfolg zugrunde. Jahrzehntelang wurde er verkannt, aber nie verhängnisvoller als in den wenigen Jahren seines Triumphs, in denen er von der Nation viel gepriesen, viel gefeiert, viel gelesen wurde. Und er wußte es. „Geehrt hat mich die Macht, doch nicht befragt...“

In seinen Anfängen – und in rühmlichem Sinn reichen seine wiederholten Anfänge bis in sein letztes Jahrzehnt – erlag er nicht selten einem fremden Tonfall, einer zugeflogenen Wortmelodie, wenn sie das Musikantische in ihm ansprachen, denn neben seiner strengen Kunst war er ein urwüchsiger Zupfgeigensänger, voll von alten Gstanzeln und jungem Wein. Auch verließ ihn nie ein unbändiger Trieb zum lyrischen Experiment, zum Neuguß der überlieferten Formen des Gedichts, vom Kalenderspruch zum Rondell und Sonett, vom Ghasel zur antiken Strophe, und was eine so hochgezüchtete Kunstübung an Meisterschaft zu vergeben hat, rang sein fieberhafter Formwille ihr ab. Er stürzte sich in das Abenteuer der Lyrik mit einer sinnlichen Leidenschaft, vor deren Übermaß ihn ein langsam reifendes, anfangs nicht recht überzeugendes Ideal bewahrte: Adel der Haltung und Würde des Werkes.

Die Erneuerung traditioneller Formen und die Anklänge seiner Lyrik an naheliegende, manchmal dürftige Vorbilder genügten immerhin, um ihn für lange Zeit zum Nachfahren des Klassizismus zu stempeln oder, schmerzlicher noch, zum Heimatdichter: ihn, der sich immer als deutscher Dichter fühlte – das ewige Dilemma der österreichischen Literatur – und seine künstlerische Selbstzucht „preußisch“ nannte.