Ausgerechnet Jo Grimond, bisher einer der entschiedensten Vorkämpfer für einen Beitritt Englands zur EWG, hat sich von den skandinavischen Träumereien Ludwig Erhards anstecken lassen. Der Parteiführer der britischen Liberalen forderte in London, sich Alternativen zu einem Anschluß seines Landes an die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zu überlegen. Grimond scheint auf die große Freihandelszone zu hoffen, die EWG und EFTA vereinen könnte. Aber dem britischen Parteiführer wird es nicht anders ergehen als dem deutschen Kanzler – er wird erkennen müssen, daß die Idee vom „Brückenschlag“ zwischen den beiden Wirtschaftsblöcken heute keine politische Chance mehr hat.

Ludwig Erhard, der bei seiner Skandinavien-Reise so leidenschaftlich für „Übergangsregelungen und neue Kompromisse“ auf dem Weg zu einer großen Freihandelszone plädiert hat, mußte seine Äußerungen unter dem Druck der CDU widerrufen. Der Wunsch, eine Spaltung Europas in zwei Handelsblöcke zu verhindern, ist gewiß legitim – aber eine „Annäherung“ zwischen EWG und EFTA wäre heute überhaupt nicht mehr zu verwirklichen. Die beiden Gemeinschaften haben sich so unterschiedlich entwickelt, daß kaum noch Vergleiche zwischen ihnen möglich sind.

Die EWG hat viele Krisen erlebt, von denen die letzte existenzbedrohend war. Aber sie hat auch viel erreicht: den Aufbau der größten Zollunion der Welt in neuneinhalb Jahren, die Schaffung eines gemeinsamen Agrarmarktes und den Aufbau eines perfekt funktionierenden supranationalen Managements, das ungeachtet ideologischer Meinungsverschiedenheiten in zäher Kleinarbeit für das Zusammenwachsen der Wirtschaft von sechs ganz unterschiedlich strukturierten Ländern sorgt.

Die EFTA dagegen hat keine Krisen erlebt, aber auch keine Erfolge erzielt – weil sie sich die Aufgaben, die von der EWG gelöst werden müssen, gar nicht erst gestellt hat. Und trotz dieser „Leisetreterei“ möchten zwei EFTA-Länder – Österreich und Dänemark – die Mitgliedschaft diesem Klub lieber heute als morgen gegen eine Eintrittskarte für die EWG eintauschen. Und für die gewiß nicht europa-enthusiastische Labour Party hat Gordon Walker am Wochenende vor dem Europarat in Straßburg die Versicherung abgegeben, sie habe den festen Willen, noch während der gegenwärtigen Parlamentsperiode dem Gemeinsamen Markt beizutreten.

Wozu sollen also die rührenden Versuche dienen, ständig nach neuen Zauberformeln zu suchen. Die Liberalisierung des Welthandels, der Abbau von Zöllen und anderen Hemmnissen sind wichtige Aufgaben – die am besten durch den Erfolg der Kennedy-Runde zu lösen sind (wobei die EWG im Gegensatz zur EFTA bei den Verhandlungen als einheitlicher Block auftritt). Aber das Ziel, in Europa einen großen einheitlichen Wirtschaftsraum entstehen zu lassen, ist weder durch kleine noch durch große Freihandelszonen zu erreichen.

Nur eine Wirtschaftsunion wie die EWG ist imstande, die Steuer- und Verwaltungsgrenzen abzuschaffen, die freie Niederlassung und die Angleichung der Sozialgesetzgebung zu sichern, eine gemeinsame Wirtschafts- und Außenhandelspolitik zu formulieren. Nur innerhalb eines solchen integrierten Großraums können die übernationalen Konzerne entstehen, die Europa braucht (Hallstein: „Vergrößerungen durch Konzentration sind in vielen Fällen wünschenswert, manchmal lebensnotwendig“ – Strauß: „Nur deutsch-französische Gemeinschaftskonzerne können den Rückstand Europas in der Forschung überwinden“).

Wer Europa wirtschaftlich einigen will, muß also Brüssel unterstützen. Diether Stolze