Roland Krug von Nidda: 1848 – Zwischen den Revolutionen. Amalthea-Verlag, Wien, 320 Seiten, 24,80 DM

Der Titel ist verwirrend wie das Buch selber. Zwischen Wien, Berlin und Frankfurt läßt der Verfasser das Weberschifflein seines Berichtes hin- und herlaufen in der Hoffnung, es entstehe dabei ein Bildgewebe, aber es wird nur ein Knäuel daraus. Ein Jahr läuft ab, es läuft im Zickzack, die Schauplätze wechseln, die Fäden reißen ab. Am Schluß weiß man, daß das Einigungswerk der Paulskirche gescheitert ist und einer dem anderen die Schuld zuschiebt; der Erzähler scheint jetzt selber so ratlos zu sein, wie es der Leser von Anfang an war.

Aber das sieht nur so aus, das Buch hat einen Standpunkt, er ist unverkennbar. Wenn man nämlich die deutsche Einheit und Freiheit auch als gescheitert ansehen muß, so ist doch Österreich als Ganzes in seiner eigenstaatlichen, ostmitteleuropäischen Funktion erhalten geblieben, dieser deutsch geleitete Habsburgerstaat, der die auseinanderstrebenden Völker so lange zusammengehalten hat. Das ist das positive Ergebnis des stürmischen Jahres, und man kann es einem von demokratischen Ideen unangefochtenen Altösterreichertum nicht übelnehmen, daß es der Revolution vor allem diesen Aspekt abgewinnt, nämlich den der erfreulichen Niederlage gegenüber den alten Mächten.

So erscheint die Revolution trotz des nationalen Gedankens auf ihrer Fahne doch immer wieder als ein Werk von Kräften, „die wie in Frankreich aus extrem sozialistischen, ja anarchistischen Gründen die herrschende Schicht enthaupten wollten“. Es gehört zu den vielen Naivitäten des Buches, daß es das Hofgeschwätz von den zugereisten Polen und Franzosen, die die guten Berliner aufgewiegelt hätten, kritiklos wiederholt und daß es die Entrüstung des Königs über die „Zehntausende allergräulichsten Gesindels“ offenbar teilt. Die Dolchstoßlegende von 1848, vergleichsweise ungefährlich, diffamiert doch die Märzbewegung. Es versteht sich nun auch von selber, daß die Frage nach den beteiligten Schichten und den sozialen Motiven überhaupt nicht gestellt wird. Neben dem debattierenden Professorenparlament agiert die „Straße“, neben dem politisch-doktrinären Idealismus erhebt sich die „Fackel des Aufruhrs“. Das sind Vereinfachungen, in denen der „Bürgerschreck“ noch nachzittert.

Um so besser kennt sich der Verfasser in den bedrohten Dynastien aus. Die wenig markante Figur des „Reichsverwesers“ wird mit viel Fleiß geschildert, allein sechs Monographien über den Erzherzog Johann verzeichnet die Literaturliste. Aber selbst die Potentaten bleiben blaß. Deutlichere Umrisse erhalten die kaiserlichen Heerführer und der Fürst Schwarzenberg, in denen der dynastisch-militärische Staatsgedanke des alten Österreich mächtig wieder auflebt. So bildet denn auch die Eroberung Wiens und als Folge davon die begründete Absage der neuen zentralistischen Doppelmonarchie an das Einigungsverk der Paulskirche den ideellen Mittelpunkt der Darstellung; hier wird sie streckenweise verständlich und zusammenhängend.

Ob der geschichtlich interessierte Laie auf seine Kosten kommt, muß man noch fragen – und es entschieden verneinen. Der Gegenstand im ganzen scheint wenig geeignet für die historische Belletristik, er fällt in viele historische Abläufe auseinander, und er enthält ganze Bündel politischer und verfassungsrechtlicher Probleme, die damals die Köpfe erhitzten und uns heute kalt lassen. Die Szenen im einzelnen allerdings sind höchst anschaulich, bewegt, figurenreich und beziehungsvoll. Was hätte ein guter Erzähler aus Episoden machen können wie den Märztagen in Wien und Berlin, aus dem Heckerputsch in Baden, aus dem Dombaufest in Köln, aus Gottfried Kinkels und Carl Schurz’ abenteuerlicher Flucht! Memoiren und Briefe der schreibfreudigen Generation enthalten alles, was man braucht, man muß nur auswählen.

Aber der Verfasser ist kein guter Erzähler und hat keinen glücklichen Griff. Auch da, wo er Anekdoten und Details einsetzt, entsteht kein Bild, und die Hinrichtung Robert Blums in Wien, die geschmacklos geschildert ist, möchte man gleich wieder vergessen.