Zwanzig Jahre nach Nürnberg: Speer und Schirach haben ihre Strafe verbüßt

Von Thilo v. Uslar

Berlin, Flughafen Gatow, 18. Juli 1947, 8.30 Uhr. Aus einer amerikanischen Militärmaschine klettern sieben Männer mit Handschellen gefesselt, bewacht. Ein gepanzerter Lastwagen bringt sie in die Wilhelmstraße 23. Über die Nachrichtenagenturen wird die Meldung verbreitet: „Am 18. Juli um 9 Uhr Berliner Zeit hat die Alliierte Kommandantur die vom Internationalen Militärtribunal zu verschiedenen Gefängnisstrafen verurteilten deutschen Kriegsverbrecher in das Alliierte Gefängnis in Spandau aufgenommen.“ Es sind die sieben Verurteilten, die die Nürnberger Anklagebank überlebten. Sie springen vom Wagen und werden numeriert in der Reihenfolge, in der sie durchs Gefängnistor gehen:

  • Reichsjugendführer und Reichsstatthalter von Wien Baldur von Schirach (20 Jahre Zuchthaus);
  • Großadmiral Erich Raeder (lebenslänglich; er wurde 1955 wegen Krankheit entlassen);
  • Reichswirtschaftsminister Walther Funk (lebenslänglich, 1957 aus denselben Gründen freigelassen);
  • Reichsaußenminister, späterer Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Konstantin von Neurath (15 Jahre, 1954 ebenfalls vorzeitig entlassen);
  • Reichsrüstungsminister Albert Speer (20 Jahre),
  • Großadmiral Karl Dönitz (10 Jahre);
  • Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß (lebenslänglich).

Ihre Mitangeklagten hat man freigesprochen oder gehenkt. Göring und Ley begingen in der Haft Selbstmord.

Das Urteil von Nürnberg trägt das Datum des 1. Oktober 1946. Zwanzig Jahre danach, am 30. September 1966 um 24 Uhr, verlassen die Häftlinge Speer und von Schirach das Spandauer Gefängnis. Für eine vorzeitige Entlassung des Lebenslänglichen Heß gibt es keine konkreten Anhaltspunkte. Die westlichen Alliierten haben zwar durchblicken lassen, daß sich eine Begnadigung arrangieren ließe, aber die Russen lehnen das ab.

In den vergangenen zwanzig Jahren ist der Kalender weitergegangen. Deutschlands Wiederaufbau und Deutschlands Spaltung haben dazugehören, die politischen Konturen im Lande zu verändern. Die Wandlungen auf der weltpolitischen Bühne haben auch das politische Bewußtsein der Deutschen verwandelt. Was Spandau in diesen Tagen wieder in den Blick rückt, ist der bemerkenswerte Umstand, daß nur in dieser Institution die Zeit stehengeblieben ist.