Von Robert Jungk

Zoppot, im September

In einer Verschnaufpause des altmodisch üppigen Abschiedsbanketts im Zoppoter Grand Hotel beugte sich der „Beobachter“ einer großen amerikanischen Stiftung zu einem prominenten Mitglied der bundesdeutschen Delegation, das zum ersten Male diesem Treffen von politisch interessierten Wissenschaftlern beiwohnte, und fragte: „Nun, was halten Sie von dem Ganzen?“

Der Herr Professor äußerte seine Zweifel. Zwischen Pilzpastete und Kapaun sprach er aus, was so mancher nach den vier übervollen Arbeitstagen der 16. Pugwash-Konferenz fühlte: „Ob sich dieser große Aufwand wohl lohnt, wenn schließlich doch nur die gleichen ratlosen. Verhandlungsprotokolle hervorgebracht werden wie in offiziellen diplomatischen Gesprächen?“ Ein anderer Teilnehmer formulierte seine Enttäuschung knapper und rücksichtsloser: „Weshalb degradieren sich erstklassige Forscher zu drittrangigen Diplomaten?“

Derlei Urteile sind vielleicht berechtigt, wenn man die Pugwash-Konferenz nur nach den Plenardebatten und nach jenen Arbeitssitzungen der Kommissionen beurteilt, in denen an den halboffiziellen Abschlußberichten gebastelt wird. Sie müssen jedoch revidiert werden, wenn man „Pugwash“ als einen Treffpunkt mit mehreren „Verkehrsebenen“ betrachtet.

Auf der „Straßenverkehrsebene“ lassen sich in der Tat die gleichen antiquierten Hindernisse und die dadurch verursachten Stauungen, die ungeschickten Regelungen und – auch bei Naturwissenschaftlern! – spontanen Ausbrüche von angesammelten Ärger konstatieren, die aus dem üblichen internationalen Streitgespräch nur zu gut bekannt sind. Anders sieht es auf der „Höhen-Etage“ und im „unterirdischen Stockwerk“ aus. Da wird die Sicht der gleichen Schwierigkeiten sofort anders, der Ton der Unterhaltung zugleich freier wie sachlicher, großzügiger wie phantasievoller. Es bleibt auch jetzt noch die Hoffnung, daß die auf solche Weise gewonnenen Einsichten der „Pugwashites“ den Blick der Berufspolitiker auf andere Perspektiven als die üblichen lenken. Das diesjährige Treffen bot dafür manches Beispiel.

Auf der „Fußgänger-Ebene“ war es der Arbeitsgruppe 2, die sich mit dem Problem einer „Verminderung der Spannungen und möglichen politischen Abkommen in Europa“ zu beschäftigen hatte, nicht möglich, die Schwierigkeiten einer offenen oder auch nur impliziten Anerkennung zweier deutscher Staaten beiseite zu schieben – geschweige denn zu überwinden. Auf einer „höheren Ebene“ aber deuteten sich künftige Lösungen an.