Von Johannes Jacobi

Die jüngste „Theaterweihe“ berührte sympathisch wie selten eine: Wuppertal hat sein neues Schauspielhaus gerade noch unter Dach und Fach gebracht, bevor die Ebbe in den Gemeindekassen größere Baupläne blockiert. Vorsichtig taxierte eine Stadt von 450 000 Einwohnern ihren Schauspielbedarf auf 750 Plätze. Dafür setzte sie 12,5 Millionen Mark aus. Architekt Graubner überschritt die Planungsansätze nicht.

Auf Wuppertal abgestimmt waren auch die beiden Eröffnungspremieren. In einer Stadt, deren Einwohner mindestens drei Dutzend unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften angehören, bedeutet Lessings dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“ einen anderswo leicht überhörten Appell des Theaters, den Menschen über seine Konfession zu stellen. Am zweiten Abend holte die Stadt, die in Barmen eine Oper und in Elberfeld ein Schauspiel unterhält, mit dem Stück „Die Wupper“ eine Elberfelderin heim, die 1945 in Jerusalem starb und am Ölberg begraben wurde: Else Lasker-Schüler.

Beim vorletzten Versuch, dieses mehr gerühmte als gespielte Stück aufzuführen, 1958 in Köln, waren dort schärfste Proteste im katholischen Kirchenblatt zu lesen gewesen. Jetzt verpflichtete Generalintendant Arno Wüstenhöfer die Inszenatoren von Köln als Gäste nach Wuppertal: den Regisseur Hans Bauer und den Bühnenbildner Teo Otto, und die änderten an ihrer Konzeption nichts Wesentliches.

Wenn in der Geräuschsymphonie der Inszenierung zwischen Fabriksirenen und Kirchenglocken, zwischen Orgelklang und pfeifenden Dampflokomotiven auch sausende Bahnwagen in die Kurve kreischten, dann hörte man (nachgemacht) auf der Bühne, was seit sechs Jahrzehnten, ohne daß es einen einzigen Unfall gegeben hätte, den Lauf der Wupper zwischen Vohwinkel und Oberbarmen in der Luft nachzeichnet: die Schwebebahn. An drei Seiten umfährt sie das neue Schauspielhaus. Ihren Lärm zu isolieren, kostete die Theaterbauherren eine halbe Million. In der „Wupper“ durfte die Bahn mitspielen.

Auch Otto, der aus dem nahen Remscheid stammt, kehrte von den Stätten seines internationalen Ruhms zurück, um ganz unmoderne, aber von Poesie erfüllte Heimatszenerien zu bauen. Was sich in den Arbeiterhütten, aus schwarzweiß-grünem Holzfachwerk, in denen man Platt spricht, auf dem Rummelplatz mit Karussell und Riesendame oder in der Fabrikantenvilla begibt, das wird verbunden, verdichtet durch die Bildkraft, die den Sprachgestalten der Lasker-Schüler aus Teo Ottos Szenerien zuströmt.

Auf der Bühne leben sie, der ausgediente Weber Wallbrecker und sein Enkel Carl Pius, der evangelischer Pastor werden möchte. Auch der lungenkranke Fabrikantensohn Eduard Sonntag, den es ins katholische Kloster zieht. Doch ähnlich deutlich und einigermaßen zusammenhängend, wie die Augenblicke der Freundschaft zwischen den beiden Jungen verschiedener Konfession, wird der Gegensatz zwischen hoch und niedrig, zwischen arm und reich von der Autorin nicht ausgeführt.