Endre Fejes’ Roman „Schrottplatz“

Von Wolfgang Kraus

Die heutige ungarische Literatur der mittleren und jüngeren Generation ist nicht gerade reich an Begabungen. Ein Vergleich innerhalb der russischen Einflußsphäre fällt in dieser Hinsicht zugunsten von Polen und der Tschechoslowakei aus. Am besten steht es mit der Lyrik, doch Prosa und Dramatik dieser Generationen überschreiten nur in seltenen Fällen (Geza Ottliks „Schule an der Grenze“ zählt dazu) die lokale Bedeutung. Der vor vier Jahren erschienene Roman „Schrottplatz“ des heute dreiundvierzigjährigen Endre Fejes erregte in Ungarn besonderes Aufsehen. Die offizielle Presse würdigte das Werk ausführlich, und was in den Oststaaten bei solch parteigeförderter Publizität sonst nicht zu geschehen pflegt, geschah: Das Buch wurde ein Verkaufserfolg. Der Autor, von beiden Seiten ermutigt, nützte seinen Stoff ein zweites Mal und verfertigte aus seinem Bestseller ein Theaterstück.

Endre Fejes’ Roman ist inzwischen im Westen in mehreren Sprachen erschienen – auch in der Bundesrepublik –

Endre Fejes: „Schrottplatz“, aus dem Ungarischen von Elemer Schag; Carl Hanser Verlag, München; 292 S., Ln. 19,80 DM, brosch. 9,90 DM

und gilt als aufschlußreiches Beispiel der Literatur nach der ungarischen Revolution. Mit Recht. Doch trotz größter Sympathie, die man solch einer exemplarischen Arbeit entgegenbringen möchte, hat man bei der literarischen Bewertung Schwierigkeiten. Fejes ist ein sogenannter naiver Erzähler. Was er bietet, ist unreflektiert mitgeteilte Handlung. Ein Totschlag macht den Anfang, und es folgt, in einfacher Rückblendung, die Geschichte der Familie des Arbeiters Janos Hableter. Ein bißchen Schwejk, ein bißchen Wozzeck sind aus fernster Ferne spürbar. Man sieht die politischen Ereignisse „von unten“, lebt das Leben mit den Gedanken und Sinnen eines primitiven Menschen – eben des Janos Hablerer.

Mit dem April 1945 beginnt jener Abschnitt, der diesem Buch bei dem ungarischen Publikum Resonanz verschafft hat. Ein kommunistisches Ehepaar zieht in das Haus ein, und der neue Mieter hält vor den im Hof versammelten Nachbarn eine großspurige politische Rede: „Nun aber, da uns die glorreiche Sowjetarmee befreit hat, ist mir ein großer Stein vom Herzen gefallen, ich wußte gleich, was ich zu tun hatte; das erste war, daß ich in die Partei eintrat, und ich werde heute und in der Zukunft keine Mühe scheuen, auch euch für sie zu gewinnen Sándor Seres verabreicht eine Blütenlese billiger Parteiphrasen, und der Autor setzt hinterher die Zeilen: „Da applaudierten ihm die Hausbewohner lebhaft, stellten fest, daß ihnen das Schicksal einen dummen Menschen beschert hatte.“ Solch direkte Worte hatte es in Ungarn nach den Sturmtagen von 1956 nicht mehr gegeben.

Alle diese politischen Erwägungen über die Resonanz des Buches wären belanglos, hätte der Roman überzeugenden Rang als Kunstwerk. Doch dazu fehlt es an Stilwillen, an technischem Können, an Phantasie und Anschaulichkeit.