Brighton, im September

Die Chancen der britischen Liberalen steigen immer nur dann, wenn weit und breit keine Wahl zu sehen ist. Was Wilson nicht schafft, und was Heath versäumt, kommt Parteiführer Grimond doppelt zugute. Die Meinungsforscher haben den Liberalen pünktlich zu ihrem Parteitag bestätigt, daß England sie fester ins Herz schließt als je zuvor seit dem letzten Krieg.

Daß das Parteitreffen von Brighton dennoch zu keiner Beifallskundgebung für eine offenkundig erfolgreiche Parteiführung wurde, hängt paradoxerweise mit eben diesem Erfolg zusammen. Die Parteitage der beiden letzten Jahre waren Vorbereitungskonferenzen für die jeweils bevorstehenden Unterhauswahlen. Unzufriedenheit und Reformwut hatten zu schweigen. Jetzt aber – da es bis zur nächsten Wahl noch gut vier Jahre dauert – glaubten sich die parteiinternen, die vorwiegend jungen Kritiker den Luxus einer Revolte leisten zu können.

Worauf baut die alte Garde der Liberalen, und was will die junge? Die Generation Jo Grimonds ist geprägt vom negativen Erlebnis des Niedergangs der Partei, ihrer Spaltung in Liberale und National-Liberale – sowie ihrem Versuch, sich von den beiden großen Rivalen gleichermaßen zu distanzieren. Diese Generation hat eine Virtuosität im Lavieren zwischen Labour und den Tories entwickelt. Jo Grimond, Lord Byes, Lord Gladwyn und Mark Bonham-Carter haben ihr politisches Ideal darin gesehen, den britischen Wähler vom starren Mechanismus des Zweiparteiensystems zu befreien. Die Liberale Partei ihrer Vision war ein Individuum zwischen zwei Kollektiven.

Die Fünfundzwanzigjährigen, die in Brighton aufs Rednerpult stiegen, sind von diesem Ansatz frei. Sie sehen die Liberale Partei als etwas Junges, als etwas Selbständiges, dessen Zukunftschancen wichtiger sind als die bitteren Lehren der Vergangenheit. Taktik ist ihnen nicht fremd – zumindest im Überspielen des Parteivorstandes haben sie sich als Meister erwiesen.

Der „Inhalt“ dieser Rebellion, die mehrere Abstimmungsniederlagen des Parteivorstandes erzwang, ist im Grunde belanglos. Die Liberale Partei kann nicht verfügen, was die englischen Vertreter im Ministerrat der NATO sagen oder nicht. Sie hat auch keinen Einfluß darauf, ob in die britische Sozialpolitik ein Element von Mitbestimmung der Arbeitnehmer in den Betrieben eingeführt wird, ganz gleich, ob dies – wie die „Jungschotten“ finden – Fortschritt bedeutet oder – nach Ansicht der entsetzten Altliberalen – Syndikalismus und trotzkistischen Unfug. Wichtig an der Revolte ist das Aufbegehren gegen die Vorstellung, daß die Partei ein Sammelbecken der Unzufriedenen von rechts und links sei.

Die Protestbewegung kommt aus den Reihen der Young Liberais, die in den letzten Monaten eine sehr erfolgreiche Werbekampagne betrieben haben und derzeit angeblich eine Mitgliedschaft von 15 000 aufweisen. Auch die liberale Studentenorganisation hat ihren Einfluß an den Hochschulen – und damit auch innerhalb der Partei verstärkt.