Von Lilo Weinsheimer

Bremen

Die Öffentlichkeit wurde ausgeschlossen. Photoreporter hatten keinen Zutritt. Die Atmosphäre war gereizt, als am vergangenen Freitag vor der Jugendkammer des Landgerichts Bremen der 19 Jahre alte Jürgen Rosteck in der Anklagebank erschien. Er hat gestanden, am 23. Februar 1966 Alma Schütt und ihre Tochter Karin ermordet zu haben.

Während im Gerichtssaal der junge Doppelmörder die ersten Worte stammelte, gab draußen auf den Fluren ein attraktives Mädchen lächelnd Interviews: Marion Weigel, 20 Jahre alt, Rostecks Braut und Mutter seiner neun Monate alten Tochter Minea. „Bild“-Leser hatten sie bereits im Bikini mit dem Baby auf dem Arm genießen können. Vor Gericht als Zeugin überraschte sie durch Intelligenz und Sicherheit. Sie will, so heißt es, den jungen Mörder heiraten, wenn das Urteil gesprochen ist. Die makabren Begleitumstände einer grausigen Tat scheinen kein Ende nehmen zu wollen.

Rosteck hat zwei seiner Familie verschwägerte Frauen getötet, weil sie nicht bereit waren, für eine Zeichnung des ehemaligen Kunststudenten einen Pfennig zu zahlen. Bevor der unbescholtene Rosteck zum Beil griff, besaß er keinen Groschen. Heute, sieben Monate nach der Tat, ist der Doppelmörder ein wohlhabender Mann. Seine blutbesudelte Zeichnung, „Christus mit der Dornenkrone“, die er am Tatort zurückließ, wurde für 18 000 Mark verkauft. Kunsthändler sollen für weitere Zeichnungen 180 000 Mark geboten haben. Die Sensation, eine Zeichnung von Mörderhand zu besitzen, feiert Triumphe.

Jürgen Rosteck, schmal, blond, steht sauber gekleidet in der Anklagebank. Ein angenehmer Anblick. So könnte ein Oberprimaner aus gutem Hause aussehen, der auf sein Mädchen wartet. Er spricht unverständlich leise und formuliert während der ersten Stunden kaum einen vollständigen Satz. Die richterliche Rückblende auf sein Leben setzt Akzente, verwirrt indessen mehr als zu klären, weil der Vorsitzende Dr. Burhorn tut, was so mancher deutsche Richter nicht lassen kann: Er vernimmt den Angeklagten mit pädagogisch erhobenem Zeigefinger, stellt Vergleiche zensierend an, legt ehrenwerte persönliche Ansichten über Kunst und Arbeitsmoral dar und blockiert den direkten Weg zur Wahrheitsfindung durch erzieherische Kommentare. Das macht den verklemmten Angeklagten vollends wortkarg.

Rostecks Leben ist verworren. Flucht aus Ostberlin, zerrüttete Ehe seiner Eltern – der Verlobte seiner Mutter ist der Sohn und Bruder der ermordeten Alma und Karin Schütt, der gleich nach der Tat den lukrativen Handel mit den Zeichnungen begann –, eine Kette gescheiterter Versuche, es an einem Arbeitsplatz oder in der Kunstschule auszuhalten. 1962 ein Selbstmordversuch in einer Kirche.