Von Gottfried Sello

Kunstbücher, auch die erfolgreichsten, haben keine Chance, auf den Seller-Teller zu gelangen. Das mag am Preis liegen, Farbreproduktionen sind nicht billig, und der Kreis der Interessenten ist begrenzt. Gäbe es einen speziellen Seller-Teller für Kunstbücher, dann spielten die

„Aquarelle des Expressionismus“, herausgegeben und mit einer Einleitung von Werner Hofmann; Verlag M. DuMont Schauberg, Köln; 16 Aquarelle, 16 Zeichnungen, 16 Photos, zwei zusätzliche Passepartouts, 59,– DM

als einer der schönsten Bildbände der diesjährigen Produktion, als ein ideales Geschenk für Kunstfreunde, die sich mit dem Avantgardismus von vorgestern abgefunden haben, eine Favoritenrolle. Die Wiedergaben sind so gut, wie man es bei Aquarellen, die am schwersten zu reproduzieren sind, überhaupt nur erwarten kann. Der Verlag hat das schon bei seinen früheren Aquarellbänden (Kandinsky, Marc, Klee, Nolde) bewiesen. Auch der mit diesen Bänden kreierte Buchtyp hat sich in der Praxis bewährt. Man kann die Blätter herausnehmen, in die mitgelieferten Passepartouts tun und an die Wand hängen, man kann auch eine Kassette mit zwei Glaswechselrahmen vom Verlag beziehen.

Vor zwei Jahren hat Werner Haftmann in dieser Reihe die „Meisteraquarelle des 20. Jahrhunderts“ herausgegeben. In der Einführung äußerte er sich über Bedeutung und Funktion des Aquarells in der zeitgenössischen Malerei und betonte seinen experimentellen, improvisatorischen Charakter: „Ein wenig näher dem ursprünglichen Schöpfungsakt als die große verpflichtende Ölmalerei.“

Auch der neue Band bringt Meisteraquarelle, es sind zum Teil die gleichen Namen wie bei Haftmann: Picasso, Kandinsky, Klee, Chagall, Nolde, Kokoschka sind hier und dort vertreten, nur daß sie von Werner Hofmann nicht nur als Meister des Aquarells, vielmehr zusammen mit zehn anderen Malern, darunter Max Ernst, Otto Dix, Derain, Egon Schiele, John Marin als Repräsentanten des Expressionismus vorgestellt werden.

Der Expressionismus, meint Werner Hofmann, sei das geistige Band, das die Auswahl der Aquarelle, so divergierende Tendenzen und Künstler wie Picasso, Dix, Schiele, Marin zusammenhalte. Daß der Begriff Expressionismus, wie er bisher verstanden wurde, nicht in der Lage ist, diese gegensätzlichen Phänomene zu überbrücken, wird natürlich auch von Werner Hofmann nicht bestritten. In seiner Einleitung unternimmt er es, den Begriff neu und weiter zu definieren. Er polemisiert gegen Klischeevorstellungen, die den Expressionismus belasten, gegen die nationale Enge, in die er geraten ist, gegen das Gerede von deutscher Innerlichkeit,’ das ihn umnebelt, gegen die Versuche, ihm einen germanisch-nordischen Ahnenpaß“ auszustellen – solche, Versuche lassen sich nicht erst in den dreißiger Jahren, wie Werner Hofmann hervorhebt, sondern auch schon in der Frühzeit des Expressionismus, um 1910 und speziell im Zusammenhang mit Nolde, konstatieren. Es geht ihm um die prinzipielle Frage, „ob man den Expressionismus als ein deutsches oder als ein internationales Ereignis sehen soll. Ihn nationalisieren, heißt seinen tatsächlichen Umfang amputieren und ihn überdies dem kritischen Blick des romanischen Vorurteils aussetzen.“