Seit der Zeit, da Phrynichos und Aischylos in der „Eroberung Milets“ und den „Persern“ zeitgeschichtliche Ereignisse als Dramenobjekte verwandten, ist die Frage niemals verstummt, in welcher Weise der Schriftsteller am besten Figuren, die jedermann gesehen hat, und Phänomene darstellen könne, deren Auswirkungen Zuschauer und Leser am eigenen Leibe erfuhren.

Wie, lautet die Frage, mache ich als Poet in meinem Stück oder in meinem Roman den Vorsprung wett, den der Zeitgenosse, der Informierte, der durch Primärquellen Unterrichtete besitzt? Soll ich stilisieren, die Brutalität der Fakten durch Verse und Monologe verfremden? Soll ich, ohne Rücksicht auf die geschichtliche Wahrheit, alle Ereignisse einem einzigen höheren Gesetz unterstellen, einem Problem von Schillerscher Stringenz? Soll ich im Kleinen das Große abbilden, die Zwerge zu Spiegelhaltern der Giganten machen, die Dinge auf den Kopf stellen, Schwejk zum Helden, Hitler zum Mitläufer küren? Soll ich versuchen, ein Wechselspiel zwischen Realismus und Mythisierung, zwischen Vordergrund und Hintergrund, Reißer und Ideendrama zu inszenieren?

Wie immerdie Antworten lauten, eines ist sicher: mit einer simplen Illustration, einem Bebildern von Akten und einem psychologischen Ausspinnen der Haupt- und Staatsaktionen (was könnte der Marschall an diesem so entscheidungsreichen Abend seiner Gemahlin wohl zugeraunt haben?) ist es gewiß nicht getan. Das Dokumentarspiel „Der Fall der Generale“ zeigte zum hundertsten Male, daß es nichts Fataleres als jene Kolportagen gibt, die historische Fakten im Kinderfunkton veranschaulichen wollen: „Nun sagen Sie auch mal etwas, Herr von Neurath“, „So düster ist die Lage nun auch wieder nicht, Herr Raeder.“ Arabesken um das Hossbach-Protokoll, Allerweltsweisheiten beim Ausritt, Konspiration auf dem Zossen, „Guten Morgen, Herr von Brauchitsch, guten Morgen, Herr Beck“, und dazu, im Kriminalspiel der SS, im Schauerstück, ein Schüßchen Edelkitsch (Fritsch, unter dem Bilde Friedrichs des Großen im Gespräch mit der Dame von Stand: „Noch eine Tasse Tee?“ „Gern, liebe Baronin“), hier die Lampe im Gestapo-Keller, dort Herr von Fritsch, über das Tal der Könige sprechend, und dies im sarkastischen Tonfall (Baronin: „Hat er wieder getobt?“)... nein, diese Mischung war nicht erfreulich. Wer sich so eng an seine Quellen hält, das Gesetz wurde wieder einmal bestätigt, darf entweder überhaupt nichts erfinden (nur weglassen, nur das eliminieren, was sich der Fragestellung nicht fügt) oder muß die Grenze zwischen Dokument und Zutat deutlich markieren. Eine Ausschmückung allzu privater Natur bleibt auf jeden Fall problematisch.

Kein Wunder also, daß die Wochenschau-Passage zu Beginn, das Staatsbegräbnis des Generalobersten Fritsch zeigend, eindrucksvoller als die Restmoritat war ... mit Ausnahme jener Stelle, wo man Hitlers Erscheinen aus dem Stiefelknarren, dem Salutieren und dem Mienenspiel erschließen durfte, statt, wie sonst, dem liebenswerten Sterzenbach als Göring oder dem wackeren Tillmann als Beck ins Gesicht sehen zu müssen.

Kurzum, einer reinen Dokumentation wäre ich ebenso gern gefolgt wie einem Spiel, das die Generalsaffäre aus der Perspektive des Erpressers Hans Schmidt dargestellt hätte. Im Vordergrund ein schmutziger Zwerg, die Riesen nur als Schatten, nur gebrochen und gespiegelt: abwesend anwesend, erkennbar. Momos